Genug geschrieben ist über die großen Filmklassiker. Über Vom Winde verweht, Der unsichtbare Dritte, über Citizen Cane, Metropolis
und King Kong. Ihre Meriten haben diese sich erworben und sie wurden entsprechend geehrt, gewürdigt, verewigt. Doch von je
haben sie auch profitiert, von der Gnade ihrer frühen Geburt. Was kann heute noch neu sein, wenn so vieles bereits vorweggenommen
ist? Doch es wird Zeit, daß die Jugend sich emanzipiert, heraustritt aus dem Schatten der Ehernen, der fest, wie die Form
in der Erden aus Lem gebrannten Altvorderen. Diese haben sich verdient gemacht um Bahnbrechendes, wie den ersten Farbfilm,
unvergeßliche Momente von Flugzeugen über Ahnungslosen in Kornfeldern, neue Erzählweisen etabliert und nicht zuletzt Trickaufnahmen
von (davor) nie dagewesener Brillanz uns gezeigt. Betrachtet man all das aus heutiger sicht, so muss man aber ohne den Respekt vor den Pionieren allzusehr zu verlieren, zugestehen:
alles überholt, längst duzende male kopiert und variiert. Farb- und Tonfilm sind noch nicht einmal einer Frage mehr wert,
Tricktechnik durch Computereinsatz zum x-ten Mal revolutioniert. Erzählweisen und Stile noch und nöcher nachgeahmt. Nur eines,
vielleicht: die Kornfelder mit dem Flugzeug und dem sich in den Staub stürzenden Cary Grant. Das kann noch immer fesseln,
in seinem subtilen Horror, auch nach fünfzig vergangenen Jahren, es zieht noch immer, auch bei den von unzähligen Morden und
Mysterien inzwischen abgebrühten Zusehern. Das berührt noch immer, in seiner kafkaesken Absurdität. Manches bleibt für die
Ewigkeit, auf dem Olymp der Kunst. Unantastbar. Hier aber soll davon nicht mehr weiter gesprochen werden. Wenn überhaupt dann höchstens als Verweis in welcher Tradition der
eine oder andere neue Film steht, welche Wurzeln in der Erde Hollywoods er hat und vielleicht worauf er sich bezieht, was
er zitiert, überzeichnet, persifliert. Mehr nicht. Wir wollen dem neuen Film uns zuwenden, mindestens aber dem aktuellen, sofern der Begriff des neuen Films oft genug von unansehnlichen
Machwerken erfüllt ist, die künstlerisch und stilprägend sein wollen, aber nach wenigen Jahren nur noch für das Kuriositätenkabinett
taugen. Und nein, wir wollen keine bloße marktorientierte Auflistung von sogenannten Blockbustern, jener Erfolgsfilme, die für ein
Publikum gemacht sind, das sie ohne jeden weiteren Gedanken konsumiert wie Fast-Food. Aber wir wollen auch den kommerziellen
Erfolg nicht als umgekehrt proportionalen Maßstab für den künstlerischen Wert missverstehen. Eher ist der kommerzielle Erfolg
doch eine vom künstlerischen Unterhaltungswert eines Filmes recht unabhängige Größe. Das breite Publikum ist zu breit und
zu vielgestaltig, Moden und Stimmungen zu wechselhaft als dass sie für die wahre Güte eines Filmes maßgebend sein könnten.
Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Erst nach Jahren zeigt sich das Bleibende in einem Werk der Kunst. Man versteht
erst, blickt man darauf mit dem kritischen Blick desjenigen, der das Zukünftige nun kennt und bewertet vor diesem Hintergrund,
vor dem es bestehen muss. Kann man also den modernen Film eigentlich heute bereits schon bewerten, liegen nicht zu wenige Jahre zwischen seiner Entstehung
und seiner Aufnahme in diesen Kanon, wo doch der Kanon das repräsentieren will, was bleibt, wenn alle Moden vergangen sind,
wenn sich die Spreu vom Weizen getrennt hat? Ja, natürlich. Doch soll dabei auch das Gleichgewicht nicht außer Acht gelassen
werden: jenes, das die über Jahre erst erworbene Sicherheit bleibenden Wertes einerseits aber auch die Aktualität und damit
das Interesse andererseits wohl berücksichtigt. Worum geht es bei Filmen zuletzt - und zuerst (nach unserer unmaßgeblichen und doch selbstbewußten Auffassung freilich)? Es
geht mit Sicherheit nicht darum, die Welt zu verbessern, nicht darum Einfluss zu nehmen, es geht einzig und allein um Unterhaltung.
Selbst der genialste, durchtriebenste, aufwühlendste, besonderste Film ist letztlich darum bemüht und muss es sein, sein Publikum
zu unterhalten. Auch wenn er sich weltmännischen Gepränges, großer Gesten, literarischer Inhalte und weltverbessernder Attitüden
schuldig macht, zuletzt geht es nur darum, die Menschen, die ihn sehen gut zu unterhalten, ihnen Anregung und Reiz, Lust und
Zeitvertreib zu bieten. Und dies kann durchaus geschehen, indem alle Sinne stimuliert werden. Inklusive des Sinnes für den Intellekt, für den Humor
sowieso, für das besondere und das Groteske ebenso wie für das heimelige, bekannte, beruhigende. Sogar eine Erweiterung der
Vorstellungswelt ist nicht ausgeschlossen, das Ungesehene, das Ungehörte, das Unvorstellbare plastisch vorgeführt und damit
vorstellbar gemacht zu bekommen. Darauf zielt am Ende jeder gute Film. Jeder Film, der ein guter, besonderer sein will, präsentiert
dem Zuseher etwas Neues . Ein guter Film eröffnet Horizonte, ermöglicht Einblicke in andere Welten und Daseinsformen, macht
die wesentlichen Dinge sichtbar. Er bietet Anregung, einen inneren angenehmen Kitzel, Reize, denen zu folgen sich lohnt, weil
sie im Verlauf des Films zu neuen ungekannten und im Idealfall den Zuseher in und durch ungeahnte Welten führen. Innere wie
äußere Welten, in denen viele Eigenschaften, Fähigkeiten und Neigungen des Zusehers sich widerspiegeln, diese Stimulieren,
Befriedigen oder sogar erst zum Leben erwecken. Daher ist alles, was die Filme dieses Kanons eint, nicht ihre kunstvolle Inszenierung, ihr Witz oder ihre Spannung. Sie sind
nicht alle große Kunst, sie sind nicht alle bekannt, aber auch nicht alle exklusiv. Doch alle machen sie ihre Sache, das was
sie tun, äußerst gut. Um hier aufgenommen zu werden muss eine Komödie mit großer Meisterschaft ihren Witz vortragen, ein Thriller
glaubhaft schockieren, eine Biographie die Vergangenheit wieder lebendig werden lassen. Filme sollen sich hier finden, die
ihr Thema mit großer Meisterschaft behandeln, mit Kraft, Stärke und Einmaligkeit. Deswegen sind sie hier. Diese Filme fesseln.
Und damit ist ihre Auswahl natürlich nicht rein objektiv. Was soll man über Filme noch schreiben oder gar lesen? Ich behaupte, ein Film ist erst dann gut, wenn er ermöglicht oder gar
erforderlich macht, provoziert, dass man etwas über ihn sagt - oder schreibt. Mehr freilich sagen muss, als, er sei unterhaltsam
gewesen und die Handlung nachzuerzählen. Nein, ein guter Film bringt den Zuseher auf Ideen, lässt ihn über Dinge nachdenken,
an die er zuvor nicht gedacht hat, vielleicht nie gedacht hätte. Ein guter Film ist wie gute Literatur. Er beschreibt Situationen
und Gefühle, die für jeden Menschen relevant sind. Auch wenn er sie manchmal hinter einer Handlung und unter visuellen und
akustischen Reizen verbirgt, kann der aufmerksame Zuseher einen guten Film daran erkennen, dass er ihm eine Basis für neue
Überlegungen, Kalküle und Erkenntnisse bietet, ihn an Ort bringt, mental freilich, an die er vielleicht nie freiwillig gegangen
wäre, von deren Existenz er oft nicht einmal wusste. Vorher. Von solchen Filmen soll hier die Rede sein und einige Gedanken referiert werden, die über die Widergabe des bloßen Inhaltes
hinausgehen, sogar weitgehend auf ihn verzichten. Filme sind da, gesehen zu werden, nicht in Büchern nacherzählt zu werden.
Aber sie wollen diskutiert und weitergesponnen sein.
Ihre FilmKanon Redaktion.
|