Kanon des modernen Films
Akte X
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Anmerkungen
Akte X
Die Wahrheit. Ist die Wahrheit intersubjetiv? Das abstrakte Konzept der 'Wahrheit' selbst sicherlich, doch gibt es etwas derartiges in der Realität? Zwei Fragen schließen sich an: ist die Realität real, in dem Sinne, dass sie eine intersubjektive Wahrheit darstellt, und, kann es ein Konzept geben, das denkbar ist, aber nicht real? Letzteres scheint nicht so abwegig, kann man sich doch alles mögliche denkbare vorstellen, das nicht real sein muss, das keine Widerspiegelung in dem hat, was wir, oder manche von uns oder jeder für sich als 'Realität' teils wahrnehmen, teils mit unserem Gehirn konstruieren. Doch Ersteres? Wer wagt zu entscheiden, ob es etwas jenseits der Wahrnehmung gibt. Ich denke also bin ich, konstatierte Descartes und damit war seine Kenntnis über die Welt erschöpft und die Erkenntnistheorie eine betrüblich beengte Erkenntnis reicher. Um all dies geht es in Akte X nicht. Die Wahrheit, sie wird in Akte X gesucht, doch nicht diese Wahrheiten.
Trotzdem gibt es eine parallele zur Vorrede: Akte X ist recht gut durchdacht aufgebaut. Und entgegen allen anderslautenden Gerüchten sind die Hauptpersonen nicht Dana Scully und Fox Mulder, sondern Fox Mulder und die Wahrheit. Scully ist mehr der Antipode im Spiel, der zweifelnde Geist, das Salz in der Suppe, die glaubwürdige Berichterstatterin, nicht eigentlich eine Hauptrolle, eher die zentrale Nebenrolle, neben Fox Mulder und der Wahrheit und seinem unverwüstlichen spöttischen Humor.
Aber natürlich wäre Fox Mulder auf der Suche nach der Wahrheit unendlich viel langweiliger ohne seinen Sidekick Scully. Wie Stan ohne Olli, wie Asterix ohne Obelix, wie Ally ohne Billy. Scully, das darf man nie aus dem Hinterkopf verlieren, wurde ursprünglich von höheren FBI-Stellen abkommandiert, um mit ihrem untrüglichen und beinahe religiösen Glauben an die Erklärungskraft von Naturwissenschaft und Logik die Arbeit von Spookie Mulder (Spookie = der gruselige) zu beobachten und zu bewerten. Sie wurde abgestellt, ihn zu kontrollieren.
Und dieses Vorhaben ging aus zweierlei Gründen in gewisser Weise schief: Erstens wird auch Danas Gläubigkeit an die anerkannten Auslegungen der Wissenschaft durch die Ereignisse, die sie miterlebt heftig in Mitleidenschaft gezogen und zweitens beginnt sie Mulder und seine selbstlose Arbeit heftig zu bewundern - und ganz offensichtlich verliebt sie sich auch noch in ihn, was er wiederum, ganz in seine Arbeit vertieft, komplett ignoriert. Und hier ist ein weiterer Trumpf dieser Serie: Wir erleben auch zwei Menschen, die aufs engste zusammenarbeiten, sich bedingungslos vertrauen, einander näher sind als oft Ehepartner und doch kommen sie sich menschlich keinen Millimeter näher. Was einerseits an Skullys Sprödigkeit liegt und andererseits wie bereits erwähnt an Mulders Besessenheit. Hier ist ein ganz unerhörter schwelender Spannungsbogen, der stets knistert ohne zu knistern, der zum Schmunzeln oder zur Trauer anregt, obwohl er nie mit einem Wort thematisiert wird. Diese Unausgesprochenen Dinge sind generell das Elixier, das Akte X über andere Serien erhebt. Akte X suggeriert, statt zu erzählen.
Und ein zweiter Aspekt dieses Verhältnisses ist für die Eigentümlichkeit dieser Serie maßgebend: Die Klischees sind regelrecht verdreht. Fox Mulder vertritt mit seinen weichen, psychologischen 'aber-es-könnte-ja-sein' Thesen die intuitive, feminine Seite, Scully die harte, auf Fakten und Erkenntnissen bauende naturwissenschaftliche Seite. Diese Art von Cross-Dressing-Attitüde ihrer Argumentationslinien, ihrer Paradigmen, gibt den beiden einen wesentlichen Teil ihres aparten Charms.
Die Serie selbst besteht über die ersten 4 Staffeln hinweg in erster Ordnung aus folgenden Handlungs-Ingredienzien: eine große Verschwörungstheorie mit wiederkehrenden Nebenfiguren und einer lose zusammenhängenden Handlung. Diese dreht sich um hochrangige und offiziell gar nicht existierende Regierungsstellen, die mit den Aliens zusammenarbeiten und teilweise versuchen deren Technologie zu stehlen, sowie um geheime unethische Experimente und die geplante Besiedelung der Erde mit Aliens, Alien-Mensch-Mischlingen und genetisch erzeugten halb-menschlichen Arbeiterdrohnen.
Neben diesen Folgen gibt es in jeder Staffel, in Stimmung und Chronoligie nicht immer ganz zur großen Verschwörung konsistente Gruselgeschichten, die im Verlauf der Staffeln immer ironischer werden. Diese Ironie besteht oft aus der immer häufiger beinahe an Wahnsinn grenzenden Lässigkeit von Mulders Haltung gegenüber den grausigsten Ermittlungen, aber auch darin, dass klassische Gruselsujets aufgewärmt und sehr humor- und lustvoll homagiert werden.
Daneben lebt die Serie von drei außergewöhnlichen Qualitäten: David Duchovnys hervorragender darstellerischer Leistung und seinem nicht nur seiner Schauspielkunst zuzuordnenden Charisma. Zweitens, den natürlich oft genug haarsträubenden Handlungsideen und drittens, einer einmaligen und exzellent die Panik des Zusehers fördernden, träge-langsamen Kamera, die bläulich unwirkliche Nebelschwaden ablichten darf. Schwaden und Irrlichter hinter denen sich etwas verbergen mag, etwas gar grausiges am Ende, oder eben oft genug einfach nichts außer einem Hirngespinst aus Angst und Panik. Diese Trägheit von Kamera und Protagonisten ist ganz zielsicher eingesetzt: Je spannender eine Situation wird umso mehr scheinen sich Mulder und Scully durch Gallerte zu bewegen, was den Zuseher völlig kribbelig macht.




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