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Hinführung
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Woody Allen ist eine Industrie. Ein Ein-Mann-Unternehmen zur Rettung des Intellekts im Amerikanischen Film - falls es so etwas
gibt. Er ist der anerkannte Spötter. Woody Allen ist schlicht eine Klasse für sich. Sein Humor ist einzigartig, seine Figuren
originär, seine Kunstfigur, die nur er selbst als Schauspieler wirklich ausfüllen kann, genial. Und seine Themen sind hinreichend
bekannt: Liebe, Sex, Gott. Sie lesen sich wie ein Who is Who der zentralen Dinge unseres Daseins. Insofern ist Woody ein großer
Philosoph, auch wenn er die Philosophie gerne parodiert. Doch Woody hat noch ein anderes Thema, weniger offensichtlich, doch gerade für sein Leben und seine Filme so zentral: die
Vermischung von Realität und Fiktion. Allein dass seine Filme oft genug deutlich autobiographische Züge tragen würde ausreichen,
diese Thematik zu zeigen. Aber es geht noch viel weiter. Wie sich in Stardust Memories, die Erzählebenen kreuzen, wie in Harry außer sich die Figuren
aus Harrys Geschichten, die stets nach realen Vorbildern unangenehm wenig verfäscht entstanden sind, plötzlich in der Realität
auftauchen und Ratschläge verteilen, wie Woody sich in Ehemänner und Ehefrauen von Mia Farrow schon im Film getrennt hat,
bevor beide sich im realen Leben trennten, wirf die Frage auf: wer imitiert wen? Die Kunst die Realität oder umgekehrt? Fantasiesequenzen
sind ein wichtiger Teil von Woodys Filmen. Immer wieder tauchen Traumgestalten und Tote auf und sprechen mit den Lebenden,
in Purple Rose steigt ein Schauspieler von der Kinoleinwand und lebt fortan in der Welt der Zuschauer weiter, weigert sich
sogar wieder in die Filmwelt zurückzukehren. Diese erzählerische Eleganz, diese Freiheit, die er sich nimmt, hat etwas zutiefst
lyrisches. Das Spiel mit der Realität. Anders als in den Geschichten z.B. von Philip K. Dick das in Total Recall, Blade Runner, Minority Report passiert, aber nicht
minder eloquent. Woodys herangehen ist weniger fiktionär. Er prüft seine Hypothesen in weitgehend realen Sujets, nicht in
abgehobenen Science-Fiction Szenarien. Und doch sind es oft artverwandte Gedankenexperimente, was-wäre-wenn Elemente inmitten
einer scheinbar soliden, überschaubaren und mutmaßlich gut kontrollierten Welt. Doch anders als Dick geht Woody nicht an die
Grenzen von Begriffen wie Realität und Identität, zer-analysiert nicht Geist und Welt zu einem Labyrinth, das den Fragenden
paranoid und verstört zurücklassen muss. Seine Themen sind mehr am Menschen orientiert, nicht so sehr der Mensch in der feindlichen
Realität und ihren Abgründen, sondern der Mensch in seine eigenen Verstrickungen, Wirrnissen, Fragen und Bedürfnissen nach
Liebe, Sicherheit und Lebensordnung, Probleme, die mehrheitlich aus ihm, dem Menschen, selbst kommen und daher auch nur für
ihn ernstzunehmend und von so überwältigender Bedeutung sind. Bei Dick ist der Mensch der Spielball der Mächte, bei Woody
spielt der Mensch nur ungeschickt Ball mit seinem Schicksal. Und so überlagern sich Woodys Lebenswelt und seine Filme in vielen Schichten. Er verflicht autobiographisches und fiktives,
im Film überlagern sich Realität und Phantasie der Protagonisten mit Details seines Lebens, im Film schieben sich wiederum
in der Filmhandlung fiktive Geschichten in die 'Realität' der Filmhandlung. "Aber beruhige Dich doch Kathy!" fleht Harry in
Harry außer sich. "Ich bin nicht Kathy, ich bin Kathrina! Kathy ist die Schlampe in Deinem Buch!" brüllt Kathrina Harry an.
Die Welten beeinflussen sich gegenseitig und es bleibt manchmal unklar, welche Welt die Originäre ist, aus welcher welche
Idee stammt, aus der Realität, dem Film oder einer Person im Film, dem Film im Film? Erfindet am Ende der Film seinen Schöpfer? Wird Woody aus der Persönlichkeit seiner Hauptpersonen geboren, verbirgt er sich
hinter diesem Schein. Fließen auch in seiner eigenen Lebenswelt Fiktion und Wirklichkeit ineinander? Wenn ja, freilich nicht
mystisch und unkontrolliert, sondern mehr zum Schutz von Privatsphäre und Umfeld. Letztlich trägt er seinen Künstlernamen
seit seinem 16. Lebensjahr und dieser steht in seinem Pass. Seit 1952 ist Steward Alan Königsberg Woody Allen.
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Stardust Memories (1979)
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Woody Allens verborgenes Meisterwerk. Ein Film der beinahe alle und jeden ohrfeigt, inklusive der Kritiker, seines Publikums,
seiner Produzenten, seiner Frauen und den Rest der Welt sowieso: "Es ist heute unheimlich viel Verkehr, es muß jemand wichtiges
in der Stadt sein. Vielleicht der Papst oder jemand anders aus dem Show-Geschäft". Selten war sein Humor beißender, bitterer,
galliger, spöttischer, enttäuschter, genialer.
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Manhattan (1978)
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Woody Allens Humor ist nichts für Anfänger. Selbst als geneigter Lacher steht man zuerst einmal perplex vor dem teilweise
unverständlichen, teilweise schwer nachvollziehbaren, teilweise in gewisser Weise vermutlich komischen, aber leider dem eigenen
Bildungsniveau oder sonstigem Verständnis sich irgendwie entziehenden Gags. Ob er sich nun weigert, eine Fähre zu betreten
mit dem Hinweis, er sei Trocken-Hebräer (man mag eine Verbindung zur Teilung des Roten Meeres während der Idendität stiftenden
Phase seines Volkes vermuten), ob er als Antwort auf die Frage, ob er ein leicht übersteigertes Ego hätte antwortet, er vergliche
sich mit Gestalten der griechischen Mythologie ausgedrückt nie mit Narziss und auf die Rückfrage, für wen dann, nach einem
dieser charakteristischen Räusperer hervorwürgt: 'Zeus'.
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Der Stadtneurotiker (1977)
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Woody Allens Filmschaffen im engeren Sinne beginnt zögerlich mit 'Love and Death' engagiert übersetzt mit 'Die letzte Nacht
des Boris Gruschenko'. Was an diesem Titel besser ist, als 'Liebe und Tod', bleibt wohl auf ewig das Geheimnis des Verleihs.
Doch einerlei: kurze Zeit später erschafft er mit 'Annie Hall', zu deutsch dem Original ebenso ähnlich 'Der Stadtneurotiker'
seinen eigentlichen filmischen Urknall. Der Film schlägt ein, auch bei der Oscar-Jury und wird ein Klassiker.
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