Woody Allens Humor ist nichts für Anfänger. Selbst als geneigter Lacher steht man zuerst einmal perplex vor dem teilweise
unverständlichen, teilweise schwer nachvollziehbaren, teilweise in gewisser Weise vermutlich komischen, aber leider dem eigenen
Bildungsniveau oder sonstigem Verständnis sich irgendwie entziehenden Gags. Ob er sich nun weigert, eine Fähre zu betreten
mit dem Hinweis, er sei Trocken-Hebräer (man mag eine Verbindung zur Teilung des Roten Meeres während der Idendität stiftenden
Phase seines Volkes vermuten), ob er als Antwort auf die Frage, ob er ein leicht übersteigertes Ego hätte antwortet, er vergliche
sich mit Gestalten der griechischen Mythologie ausgedrückt nie mit Narziss und auf die Rückfrage, für wen dann, nach einem
dieser charakteristischen Räusperer hervorwürgt: 'Zeus'. Oder ob er lamentiert, es sei kein Wunder, dass es in Los Angeles viel sauberer sei, als in New York, dort würde man aus dem
Müll ja auch Fernsehserien machen. All dieser Humor erfordert, ihm auf seinen Gedankenwegen zu folgen und dabei mitunter nicht
wenig klassische und zeitgenössische Bildung oder zumindest eine recht selbstgerechte und arrogante Sichtweise gegenüber dem
Zeitgeist und Modeerscheinungen im Allgemeinen für die breite Masse mitzubringen. Woody ist ein Bildungs-Snob und seine Fans
mit Sicherheit nicht minder, denn allen anderen spuckt er gerne mal in die Suppe, wenn nicht gar ins Gesicht - würden die
seinen Humor verstehen, oder seine Filme überhaupt beachten. Doch genau diese Verstiegenheit, diese Verklausulierung, dieses selbst erkunden und herausfinden müssen, wo sich die Pointe
versteckt, ist auch ein weswentlicher Teil von Woodys Kunst und der Faszination seines Humors. denn zu einem genie macht ihn,
dass die Pointe immer da ist, man sie aber finden muss. Es ist im Grunde wie überall im Leben: ob beim Fast-Food, ob bei Vergnügungen, ob in der Musik oder der Kunst überhaupt: das
leicht zugängliche ist nett, aber das, was man sich erarbeiten muss, ist das was zählt, ist das, was einen weiter bringt,
ist das, das sich am Ende lohnt, der Weg ist das Ziel. Wer das Ziel direkt und ohne Umweg erreicht, hat es zwar leicht, aber
er verpasst vielleicht das Wesentliche. Die Konsumgesellschaft versucht zwar ununterbrochen diesen leichten und oberflächlichen
Weg als den einzig verfügbaren, als den besten tollsten schnellsten herauszustellen, weil, ja, warum?, ganz einfach: weil
man damit die breite Masse auch am leichtesten fangen kann. Doch gibt das den Menschen etwas, oder nur den Meinungsmachern? Ein philosophisches Dilemma, nicht nur, wo das Glück ist, wie man es finden kann ist ein Rätsel in einem Rätsel, sondern auch
noch: auf welchem Weg muss man es angehen, um es überhaupt zu finden? Am Ende ist der direkte Weg wie so oft nicht der Richtige! Sagte ich bereits, dass Woodys Gedankenwelt voll ist von Selbstzweifel und ausweglosen philosophischen Sackgassen? Manhattan. Wäre dieser Film nicht schon in Schattierungen von Silber gedreht, man müsste ihn in Gold gießen. Woody ist in
Brooklyn aufgewachsen und hat in seiner Kindheit Manhattan immer als glitzernd, glamourös, eine Art Wunderwelt und Freizeitpark
in einem erlebt. Inzwischen hat er den nicht unbedeutenden Titel 'Mr. Manhattan' und das sicherlich nicht ganz unabhängig
von gleichnamigem Film. Er pflegt das Klischee, diese Stadt nie zu verlassen (was nicht ganz stimmt) und lamentiert schon
in Annie Hall, als sie mit ihm aufs Land fahren will: Raus aus der Stadt? Da gibt es doch Zecken und die Manson Familie! Doch Manhattan ist anders als alle seine Filme zuvor. Denn - endlich möchte man ex-post sagen - hat er seine Slapstick-Ader
durch etwas viel besseres ersetzt: Einfühlungsvermögen. Manhattan ist sein erster wirklich erwachsener Film, ohne Standup-Comedy,
ohne Slapstick-Einlagen, ohne sketch-artige Szenen. Und im Übrigen ist es nur in zweiter Linie ein Film über New York, sondern
vor allem eine sehr emotionale und für seine Verhältnisse beinahe liebevolle Betrachtung der Lebensnöte und -freuden, des
Denkens und Leidens und Liebens seiner Hauptfigur mit der dicken Kassenbrille. Manhattan ist nicht mehr albern, sondern lustig, Manhattan ist nicht mehr sarkastisch gegenüber Romantik und nicht mehr ignorant
gegenüber den anderen Personen in der Handlung, sie sind nicht mehr Statisten für den Humor, sondern eigene Charaktere. Manhattan
ist voller ehrlich diskutierter und wahrer Konflikte, auch wenn Woody es natürlich nicht lassen kann, über alles und jeden
seine Witzchen zu machen: 'Natürlich, eine beißende Satire über die Neo-Nazis im Feulleton ist gut, aber Baseball-Schläger,
das ist die Sprache, die die viel besser verstehen.' Ist es nicht eine wundervolle Stadt?
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