Woody Allens verborgenes Meisterwerk. Ein Film der beinahe alle und jeden ohrfeigt, inklusive der Kritiker, seines Publikums,
seiner Produzenten, seiner Frauen und den Rest der Welt sowieso: "Es ist heute unheimlich viel Verkehr, es muß jemand wichtiges
in der Stadt sein. Vielleicht der Papst oder jemand anders aus dem Show-Geschäft". Selten war sein Humor beißender, bitterer,
galliger, spöttischer, enttäuschter, genialer. Und doch, oder gerade deswegen, bei der Kritik verrissen, im Kino gefloppt. Sein ungekröntes Meisterwerk, die Ignoranz des
Publikums wie ein Beweis seiner Thesen. Und dabei: Ein fantastisches Spiel mit Erzählebenen, von Realität, Film und Film im
Film. Meisterhaft, philosophisch, komisch, tragisch und herzzerreißend zugleich. Die Schattenseiten des Erfolgs. Mit Manhattan und Der Stadtneurotiker hat Woody Allen sich beinahe von null auf hundert in
die vorderste Reihe der anspruchvollen Regisseure und Filmemacher katapultiert. Nach Stardust Memories zu urteilen, jedoch
nur um dort oben im Olymp der Filmer dann das Leid des Leitwolfs zu erfahren. Belagernde hysterische Fans mit absurdesten
Erwartungen, profitgierige Produzenten, wirre Kritiker und Kunstbetriebsjunkies, sich anbiedernde Schauspieler, durchgeknallte
Lebensgefärtinnen. All das verarbeitet er in Stardust Memories nicht, er schleudert es allen Schuldigen wütend ins Gesicht
zurück. Leid, dein Name ist Erfolg. Hier bleibt einem erstmalig - doch in Woodys Schaffen nicht zum letzten Mal - das Lachen komplett im Hals stecken. Er zeigt
die Welt als monströsen Zerrspiegel, die Wände seiner Wohnung gleichen riesenhaften Projektionsfächen seiner inneren Zustände.
In schlechten Momenten ist dort die Exekution des vietnamesischen Generals zu sehen. Er überzeichnet und illustriert - sein
Leiden. All das filmt er in extrem kontrastreichem Schwarzweiß, das weiß beinahe blendend grell, das Schwarz scherenschnittartig.
Wie Alptraumszenen reihen sich die Ereignisse aneinander, es verschwimmt, was Realität ist und welche Szenen in einem seiner
Filme spielt, nur um am Ende zu finden, dass alles ein Film war. Ob dies nun philosophisch ist, oder ob die durchaus philosophischen Fragen, die er in der UFO-Szene kurz vor seinem Tod dann
doch wieder in der beinahe ebenso lästerlichen weise wie in Boris Gruschenko stellt nur der Erkenntnis dienen, dass auch die
Philosophie ebenso wie die Religion doch am Ende keine Antworten parat hat auf diese Grundfragen des Daseins, der aufreibenden
bohrenden Sinnlosigkeit dieser Fragen, das bleibt unklar. Und am Ende des Films erörtern die Schauspieler einigermaßen frei von Verständnis und reichlich hirnlos möchtegern-tiefschürfende
Fragen miteinander. Gallig ist das alles und die dargestellte Borniertheit nachvollziehbarerweise schwer erträglich für den
Leidtragenden. Woody scheint hier hilflos zu schreien: bin ich denn umgeben von Idioten. Doch keiner hört ihn und man möchte
meinen: ja. Ungeachtet dessen: Erzählstruktur und das Spiel mit Handlungsebenen und sich zwischen Kunst und Dasein verwischenden Einflüssen
und Vorkommnissen, sein Leben als Opfer seiner Kunst und seine Kunst als Resultat seines Lebens, das in die Irre Führen des
Zusehers zwischen Fiktion und Autobiographie, das hat Woody bis zum heutigen Tag kein zweites Mal mit diesem Maß an Abstraktion,
mit so viel Energie, so viel Inspiration umgesetzt. Auch wenn er die Fragen nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Leben erst
viel später und viel weniger bohrend, geradezu luftig leicht, in Bullets over Broadway wieder aufgreift, ist diese doch eine
der zentralsten und schwerwiegendsten Fragen seines Gesamtwerkes. 'Er sollte wieder komische Filme machen, so wie früher.' Filmhandlung oder Realität? Beides. Woodys Hauptfigur in Stardust
Memories ist wahrscheinlich die ihm am nächsten kommende Figur all seiner Filme. Und konsequenterweise hat er mit diesem Kunstwerk
auch jeden verprellt, Kritiker sowieso, aber auch echte Bewunderer, loyale Fans. Und am Ende steht er allein in diesem altehrwürigen Kinosaal, wie in einer vormals noch heiligen Halle, deren Traum jedoch
geplatzt und verpufft ist und dann gehen die Lichter aus und die Notbeleuchtung bleibt, wie Sterne in der Nacht, während er,
versteckt hinter einer kalten und unnahbaren Spiegel-Sonnenbrille mit hängendem Kopf hinausgeht - nun hat er in Riesenschritten
den Level 'Filmkunst' erreicht. Leid gebiert Kunst. Übrigens ist dieses Meisterwerk bis heute nicht als DVD mit deutscher Tonspur erschienen. Unvorstellbar.
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