Woody Allens Filmschaffen im engeren Sinne beginnt zögerlich mit 'Love and Death' engagiert übersetzt mit 'Die letzte Nacht
des Boris Gruschenko'. Was an diesem Titel besser ist, als 'Liebe und Tod', bleibt wohl auf ewig das Geheimnis des Verleihs.
Doch einerlei: kurze Zeit später erschafft er mit 'Annie Hall', zu deutsch dem Original ebenso ähnlich 'Der Stadtneurotiker'
seinen eigentlichen filmischen Urknall. Der Film schlägt ein, auch bei der Oscar-Jury und wird ein Klassiker. Woody Allen kreiert mit einem Schlag ein neues Genre. Eines, das zeittypisch wird für Generationen von 70er und 80er und sogar
90er Jahre Upper-Class Amerikanern und sogar für Mitglieder dieser selben Gesellschaftsschicht überall in der ersten Welt.
Er beschreibt mit beißendem Humor die Problemchen und Neurosen all derjenigen, deren Tagwerk ihnen genug Kraft und Zeit lässt
und die dabei die geistige Sensibilität und Bildung mitbringen, auf langen und tiefschürfenden Gedankenwegen über die Sinnlosigkeit
ihrer eigenen Existenz zu lamentieren und dabei tatsächlich ernsthaft zu leiden. Er erzählt von den Hochleistungs-Gebildeten,
deren Intellekt es ihnen nicht mehr ermöglicht, Zufriedenheit ob der eigenen Fähigkeiten zu empfinden, Ruhe, ob des erarbeiteten
Status, Selbstwert ob dessen, was sie in Wahrheit darstellen und unter dieser Unfähigkeit, diesem Mangel sich beständig quälen.
Stattdessen zerreden sie alles, sorgen sich um Kinkerlitzchen, machen die Unzufriedenheit mit sich selbst zur Kunstform und
zum Lebensprinzip - und zu einer Quelle urkomischen Witzes. Wie tragfähig diese Variante der satirischen Gesellschaftskomödie ist, wie groß das Interesse an derartigen einigermaßen eitlen
und gleichzeitig höchst selbstironischen Selbst-Betrachtungen der Oberschicht zu sein scheint, zeigt sich darin, dass bis
heute immer neue Fernsehserien auf diesem Prinzip aufspringen und gerade jenes gebildete Publikum im humorigen Zerrspiegel
ihrer selbst beglücken. Am offensichtlichsten ist dies wohl im Falle von Ally McBeal, auch einer veritablen allenesken Stadtneurotikerin
im Kreise weiterer ähnlich gelagerter Charaktäre, im Ganzen, einem echten Woody-Allen-für-Alle Format - nicht ganz so bissig,
nicht ganz so fein beobachtet, nicht ganz so literarisch, aber dafür breitenwirksam und massenkompatibel. So werden die seelischen
Irrungen und Wirrungen, Psychiaterstunden und Diskussionen um schwere Kindheiten und verlorene Lieben zum Alltagsthema dieser
Schicht. Seelischer Exhibitionismus, Übersteigerung der Individualität, Maßlosigkeit gegenüber der eigenen Bedeutung. Allerdings
auch der Souveränität derartige Komik an sich selbst nicht nur zu dulden, sondern sich darüber zu amüsieren. Ein Luxus, wer
zusolcher Selbstdistanz und gleichzeitigen Selbstgeiselung in der Lage ist und dabei noch Genuss empfindet. Wenn mich meine
Beobachtung nicht täuscht, ein sehr jüdisches Talent, jedenfalls scheint diese hohe Kunst der Selbstironie vor allem unter
Juden Kulturgut. Und wenn auch Woodys Erfolg in Europa den in den heimischen USA bei weitem übertrifft, so besteht doch offenbar in vielen
dieser Länder eine starke Bedürftigkeit nach Relativierung und Ironisierung der eigenen Probleme. Was nimmt das Wunder, ist
doch die Distanz zu sich selbst und zum eigenen Narzissmus oft genug der letzte Ausweg aus Selbstqual und Hilflosigkeit gegenüber
dem Leiden vor dem man nicht weglaufen kann, dem Leiden an sich selbst. Und diese Relativierung lindert, das Lachen heilt.
In dieser Hinsicht ist Woody ein Heiler. Er heilt, weil seine Filme ermöglichen, über diese neurotischen Erfolgsmenschen zu
lachen und bei dieser Gelegenheit zu erkennen, dass deren Problemchen den eigenen gar nicht so unähnlich sind, die damit ja
wohl ebenso zum Lachen sein müssen. Lachen heilt, Woody ist ein Heiler. Seine Figuren im Stadtneurotiker, in Manhattan, in Stardust Memories, in Broadway Danny Rose, in Hanna und ihre Schwestern
bis zu Harry außer sich sind allesamt jener Typus von überempfindlichen, überforderten, grüblerischen, händeringenden Hektikern,
die er selbst derart herzzerreißend authentisch spielt, dass der wahre Filmemacher Woody Allen stets betonen muss, dass die
Ähnlichkeit zwischen seinen Figuren und ihm nur partieller Natur sind. Trotzdem beginnt er mit Annie Hall auch seine bis in die frühen 90er ungebrochene Praxis, sein Privatleben und seine Filme
teils bis zur Ununterscheidbarkeit zu vermischen. Denn eigentlich ist Annie Hall eine mit unendlicher Hingabe vorgetragene
Liebeserklärung an seine verflossene Diane Keaton, die ja auch die Hauptrolle, jene Annie Hall spielt. Seine Faszination für
sie ist offenbar. Der ganze Film dreht sich um ihren Charm, ihre Anmut, ihre feminine Hilflosigkeit, ihr Lachen, sie. Das
Erfolgsmodell Stadtneurotiker ist dabei scheinbar mehr als Nebenprodukt entstanden, im Rahmen dieser wundervollen Hommage
an die Frau, die er offenbar völlig und ungebrochen verehrte und ihr mit diesem Film ein Denkmal setzen wollte. Der Film ist eben im Original ganz und gar nicht nach ihm, respektive seiner Lieblingsinkarnation, dem unheilbaren chaotischen
selbstironischen Stadtneurotiker benannt, sondern nach ihrer Rolle nach Annie Hall. Überhaupt sind viele von Woodys Filmen Liebeserklärungen: Manhattan eine solche an New York, Hannah und ihre Schwestern an
Ingmar Bergman oder auch Hass-Erklärungen über große Enttäuschungen, wie Stardust Memories, über die bornierten Menschen,
die zufällig seine Fans, Produzenten, Schauspieler und Lebenspartnerinnen sind, solche, mit denen er sich abgeben muss oder
Ehemänner und Ehefrauen über den Verlust des Glaubens an die lebenslange Bindung. Filme, die er ohne diese tiefe Leidenschaft
für das Thema dreht sind oft genug Durchschnitt, humorvoll, aber im Ganzen schwach. Doch geht er mit der aus diesem innersten
Interesse fließenden Akribie ans Werk, besticht kaum ein anderer Filmemacher mit so treffsicheren Beobachtungen, so tiefen
Erkenntnissen und so bissigem Humor. Seine Meisterwerke sind voll davon, der Rest lebt vom Echo der anderen.
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