Kanon des modernen Films
Express in die Hölle
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Anmerkungen
Express in die Hölle
'Du bist ein Tier!' 'Nein, ich bin mieser: ich bin ein Mensch!' Mit diesen optimistischen Worten ist alles gesagt worum sich diese Studie dreht. Das einzig höllische an diesem Film ist jedoch die Handlung. Nichts Übersinnliches, keine okkulten Ideen, einfach ein Höllenritt von einer Schussfahrt. Runaway Train ist eine Studie. Eine Studie über Macht, Schwäche und den Mittler zwischen diesen beiden Welten: das Mitleid und die Abwesenheit desselben.
Der Film zeigt, wie eine Welt aussehen muss in der das Mitleid, das Mitgefühl verloren gegangen ist, in der der Mensch verkommen ist und kalt. Verkommt der Mensch zum Tier? Nein. Der zentrale Satz, die zentrale Aussage des Films ist dem Inhalt nach einem Shakespear-Zitat entliehen und wird von der Hauptfigur des Films, einem charismatischen Sträfling namens Manny ausgestoßen, als man ihn bezichtigt, er verhalte sich wie ein Tier. 'Nein!' ruft er aus 'ich bin mießer! Ich bin ein Mensch.'
Worauf Manny sich bezieht ist die Fähigkeit des Menschen, durch die Freiheit seines Geistes jede Haltung anzunehmen, jedes Verbrechen, jede Unmoral, jedes noch so unsoziale Verhalten. Der Mensch ist frei und Manny ist es auch. Ein absichtlicher Kontrast zu dem moralfreien gewalttätigen Minimaluniversum des Hochsicherheitsgefängnisses in Alaska in dem Manny sich befindet. Die Welt ist paradox und diese kleine Welt besonders.
Ein bisschen erinnert dieses Gefängnis an Alcatraz, das Gefängnis in der San Francisco Bay, das nur deswegen als so sicher galt, weil die Bay an dieser Stelle aufgrund der Strömungen und der Kälte des Wassers als undurchschwimmbar galt - und aus dem Clint Eastwood in 'Die Flucht von Alcatraz' nach einer wahren Begebenheit dann doch ausbricht. Und genauso ist dieses Gefängnis in Alaska nicht nur streng bewacht, sondern jeder der entkommt, sieht sich einer lebensfeindlichen Eiswüste auf tausende von Kilometern ausgesetzt. Der Abschaum der Gesellschaft, wie der Gefängniswärter seine Kleinten beschimpft, ist hierhin weggesperrt, hierhin wo es kein Entrinnen gibt. Und wie auch dort entspinnt sich hier ein kleines Paralleluniversum von eigener weltabgewandter Eigendynamik. Eine Eigendynamik, die nicht in die sie umgebende Welt passt, die eine Posse ist, eine Farce und ein Zerrbild.
Doch Manny ist bereits zweimal entkommen und er wird es wieder tun. Manny ist intelligent, ganz im Gegensatz zu den animalischen Gewalttätern und Dummköpfen, die in diesem Gefängnis hausen und sich tagtäglich ihren Kleinkrieg mit den Wärtern liefern ist Manny eine Persönlichkeit, einer, der am Ende wohl an seinem Intellekt gescheitert ist. Und auch wenn der Zuseher nicht viel darüber lernt, wie Manny überhaupt in diese Lage geraten ist, in der er 'Der ganzen Welt den Krieg erklärt hat', wie er sagt, so lernen wir doch zweierlei: Seine Intelligenz hat ihn nicht davor bewahrt und obwohl sein Fetisch zu sein scheint, mit seinem Willen jede Schwäche des Fleisches zu besiegen, so hat er es doch nicht geschafft, seine größe Schwäche, seinen Stolz zu besiegen um in einer Welt aus Erniedrigung durch die Mächtigen sich anzupassen und zu überleben.
Und so intelligent, so klar, so scharfsinnig, so egoistisch Manny wirken mag. Im Angesicht seiner Nemesis, dem Direktor des Gefängnisses in dem er einsitzt, der, der ihn ebenso mitleidlos 2 Jahre lang widerrechtlich in Einzelhaft in einem Käfig gehalten hat um ihn zu brechen, erst im Angesicht dieses Erzfeindes bricht seine Fassade auf und zum Vorschein kommt ein wildes rasendes Monster, das nichts mehr hat von Vernunft, sondern nur die personifizierte Rache ist, der blanke Killerinstinkt. Zum Vorschein kommt egomanische Mordlust, blanker Hass in seiner Essenz.
Ob es freilich ein solches Monster, eine solche sich innerlich zutiefst widersprechende Hybride aus Intelligenz und völliger Moralfreiheit geben kann bleibt natürlich dahingestellt, ist denn Moralität nicht auch Folge von Intellekt? Dieser Golem wird ja auch in anderen Visionen spekuliert, wie z.B. Hannibal Lecter im Schweigen der Lämmer oder die mordenden Studenten in Hitchcocks Cocktail für eine Leiche. Und wie auch bei diesen Exemplaren scheint es Manny am Ende gar nicht um die Flucht aus dem Gefängnis zu gehen. Denn frei ist man nur im Kopf sagt er. Nein, es geht ihm wie in Hitchcocks Klassiker darum zu beweisen, dass es geht.
Es geht ihm um die Freiheit zu tun, was er will, sich von nichts und niemandem, nicht von Moral, nicht von Sitten, nicht von Mitleid aufhalten zu lassen. Er kann nicht anders. Dies ist seine Droge, sein Dasein, sein Untergang und er damit am Ende das tragische Monster. Manny will beweißen, und der Film zeigt uns, wohin dieser Beweis führt.
Es ist ein abstraktes Spiel darum, wer Recht behält. Der Einsatz ist das Leben. Denn sein Leben, seine Freiheit ist ihm einerlei, er ist auf den Beweiß aus, dass er dem Gefängnisdirektor überlegen ist. Dieses Spiel ist sein Leben geworden, diese Macho-Pose, dieser abstrakte Kampf um die Rudel-Führerschaft, deren Rudel nur diese armseligen kaputten Menschen in diesem Hochsicherheitsgefängnis am Ende der Welt sind. Eitel.
Ein hoch-, oder auch tief moralischer Film der eine von Macht und Hass angetriebene Welt zeigt, ohne Mitgefühl. Denn es ginge nicht nur um Mitleid, das der Starke mit dem Schwachen haben soll, sondern auch um MItgefühl, das es zwischen Gleichen geben muss, damit sie sich nicht wie Manny und der Gefängnisdirektor gegenseitig zerfleischen.
Denn auffällig ist die Ähnlichkeit, die beinahe brüderliche Gleichheit - wie zweier bei der Geburt getrennter Zwillinge - der beiden Kontrahenten. Sie stehen auf verschiedenen Seiten des Rechts und doch haben sich hier Zwei gefunden, die den Sinn ihrer Existenz offenbar darin erkannt haben, den anderen zu vernichten.
Und wie in solchen Situationen voller Hass und ohne Verstand üblich erreichen sie beide ihr Ziel. Jedem ist es freigestellt die Intimität dieses Kammerspiels zu durchbrechen und diese Moral auf größere Systeme zu übertragen. Dies scheint erlaubt.
In ihrer Rücksichtslosigkeit und moralischen Verarmtheit sind sie dabei eineiige Zwillinge. Sie scheinen einander zu verdienen, haben einander so lange gesucht, bis sie ihr ebenbürtiges Gegenüber gefunden haben um ihren ganzen Hass auszuleben, um ihren aufgestauten Agressionen in einem Spiel um Leben und Tot ihren Lauf zu lassen. Mit Schwächeren legen sie sich nur nebenbei an, aber nicht aus Mitleid, sondern aus Arroganz. Die sind keine Gegner für sie, die verachten sie nur.
Ein Film über die andere Seite der Freiheit, über eine Freiheit ohne Moral, ohne Gefühl, ohne Regeln, über Anarchie. Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese skeptische Beleuchtung der Freiheit und der Auswüchse zu der sie falschverstanden auch führen kann, von einem Russischen Regisseur gedreht wurde.




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