Kanon des modernen Films
Frailty - Dämonisch
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Anmerkungen
Frailty - Dämonisch
Ein Exempel dafür wann das Ungeheuerliche ungeheuerlicher wird: dann wenn man es nicht sieht. Frailty schockiert durch die Selbstverständlichkeit mit der der Wahnsinn nicht nur in die Realität einbricht, sondern neben der Vernunft und dem Gutmenschentum in trauter Einheit existiert. Hier werden Morde begangen - im Auftrag Gottes. Wäre dies nicht in unseren Zeiten und wahrscheinlich zu allen Zeiten eine so traurig gängige Regel, wäre es an Perfidität nicht zu überbieten. Das per se Böse, Leben auszulöschen wird im Namen des per se Guten, im Namen des personifizierten Über-Ich des monotheistischen Gottes(-bildes) vollführt. Ein Gegensatz, wie er krasser nicht vorstellbar ist.
Die Gegensätze sind in diesem Film allgegenwärtiges Werkzeug, mit dem dem Zuseher der Schrecken tief in die Glieder gejagt wird. Eine idyllische Kleinstadt, ein treusorgender Vater, zwei wohlgeratene Sprösslinge, die bald zu hilflosen Gehilfen des Schlachtens werden. Und wie in den Romanen von Stephen King, von dem diese fiese Geschichte wohlfeil und im besten Sinne stammen könnte, ebenso, was ihre Brillanz in ihren Details angeht, wie ihre stetig und konsequent fortschreitende Handlung den Zuseher mit immer neuen Wendungen nicht zum Ausatmen kommen lässt, ebenso wie bei King bricht hier der blanke Wahnsinn ein in diese scheinbar heile und zutiefst durchschnittliche Welt.
Dabei wird die Geschichte sehr straight-forward erzählt, und wieder doch nicht. Ein Polizist und einer der ihm eine Geschichte erzählen will treffen aufeinander und in Rückblenden erfährt der Polizist alle Details der Mordserie, dessen Täter er seit Jahren sucht. Er erfährt von einer Geschichte von religiösem Wahn, der eine Familie befällt. Mord um Mord wird begangen. Zwei Söhne, die wie Kain und Abel, der eine für, der andere gegen den offenbar wahnsinnig gewordenen Vater sind. Überhaupt quillt religiöse Symbolik hier aus jeder Pore. Und dieser Killer, dieser Vater ist nicht kaltblütig. Er hält sich für einen guten Menschen, während er hackstückelt und seine Söhne zusehen und mithelfen müssen, bei seinem Werk.
Im Gegensatz zu den Söhnen wird der Zuseher von allzu blutigen Details verschont. Und doch ist hier das Blut roter, das man nicht sieht, hier ist die Leiche toter, die man nur in Plastiksäcke verpackt beim Vergraben wiedertrifft. Nicht die Körperteile und Überreste machen den Horror aus, dies ist kein Splatter-Movie. Hier wird das Töten selbst, der Vorgang, die tief in uns verhaftete Impuls seiner Unmoral zum Horror, das, was in so vielen Filmen so hundert- und tausendfach gedankenlos geschieht wird hier zur persönlichen Prüfung, Mörder und Opfer Auge in Auge - und in den Augen des Mörders die Angst, die Abscheu vor seiner Tat und gleichzeitig die zwanghafte Sicherheit, dass er es tun muss und tun wird. Gott hat ihn beauftragt. Und welche höhere Autorität könnte wohl Aufträge erteilen.
Und wäre dies alles noch nicht genug gibt Regisseur und Hauptdarsteller Bill Paxton (unter wohl tätiger Mithilfe seines alten Freundes James Cameron, man hatte ja schon gemeinsam Aliens gejagt) der Story zu allem Überfluss mehrere teuflische Wendungen, die sie in die Nähe der Üblichen Verdächtigen, Sieben und den Shyamalan-Thrillern rücken.
Entgegen, wieder ein Gegensatz, des persönlichen und subjektiven Berichtes, den der Fremde dem Polizisten gibt, beobachtet die Kamera die gesamte Handlung fast teilnahmslos, sehr unvoreingenommen. Es bleibt sogar offen, welche der beiden Versionen der Geschichte - der wahnsinnige Christ, der Menschen zerhackt, oder die andere, der von Gott Gesandte, der Dämonen zerstört - nun am Ende die Wirkliche ist. Hat hier jeder seine eigene Wahrheit? Denn mystisch bleibt am Ende so manches, die Weissagungen und Wunder treten auf ihre ganz irdische Weise ein und wer am Ende der Gute und wer der Böse war, auch das bleibt im Dunkeln dieser sehr eleganten Geschichte. Siegt hier das Gute, ist das ein Happy End?
So bleibt am Ende eine beunruhigende Pointe und ein Lehrstück über die hermetische, in sich geschlossene Logik des religiösen Wahnsinns, ein Lehrstück damit freilich mit einem unangenehm aktuellen Bezug.




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