Der Jahrhundertfilm zum Jahrhundertmord. Und Oliver Stone hat daraus den vielleicht engagiertesten, eindrucksvollsten und
kurzweiligsten Polit-Thriller aller Zeiten gefilmt. Die Qualitäten dieses Films sind nahezu erdrückend. Stone überfährt den
Zuseher mit Fakten, Vermutungen, Zusammenhängen, Ereignissen, historischen und nachgestellten, rhythmisch wie visuell meisterhaft
eingeschnittenen Szenen, schockiert den Zuseher immer wieder mit den mörderischen Schüssen, die Lee Harvey Oswald 1963 in
Dallas aus dem Lagerhaus auf den Präsidenten abgefeuert haben soll. Der Film basiert auf dem Buch des von Kevin Costner mit bewährtem unbeugsamen Gerechtigkeitssinn und unbestechlichem Starrsinn
verkörperten Oberstaatsanwalts von New Orleans, Jim Garrison, dem einzigen Rechtsvertreter, der im Mordfall Kennedy tatsächlich
je Klage erhoben hat! Auch das ist bereits ein Unding! Selbst in wesentlich unbedeutenderen Fällen werden Gerichtsverfahren
zur Klärung angestrengt, etwa ob der Nachbar die Kirschen hätte ernten dürfen. Nur in diesem Jahrhundert-Fall, diesem Staatsstreich,
dieser gewaltsamen Entmachtung, um nicht zu sagen Enthauptung des mächtigsten Mannes der Welt, wurde nur von einem Provinz-Staatsanwalt
gegen Verdächtige Klage erhoben, die allenfalls Handlanger der Handlanger waren. Die Drahtzieher blieben immer im Dunkel -
der Stoff aus dem Große Dokumentarfilme gemacht werden. Und das ist JFK im Grunde auch. Eine Dokumentation der Ereignisse und Zusammenhänge, jedoch als Spielfilm dargeboten. Autentizität
und Spannung, Exaktheit und Dramatik unter einem Dach. Die Oscars, die Stone bekam, waren absolut gerechtfertigt, der Film
ist ebenso handwerklich wie seinem subjektiven Eindruck nach überragend. Die Besetzung ist spektakulär. Beinahe jede Rolle
ist mit einem absoluten Top-Star besetzt. Selbst Walter Matthau und Jack Lemmon finden sich in Gastauftritten, ebenso Donald
Sutherland, Kevin Bacon, Gary Oldman, abonniert auf Psychopathen spielt L.H. Oswald, Gewohnheits-Mafioso Joe Pesci, Schwergewicht
John Candy, besonders hervorzuheben ist die Darbietung von Tommy Lee Jones, der als Homosexueller nach seinen Machorollen
in Auf der Flucht/Auf der Jagd und Men in Black 1/2 überhaupt nicht wiederzuerkennen ist. Alle haben sich offenbar geradezu
darum gerissen mitzuspielen. Und das verwundert nicht. Selbst Jim Garrison, der Autor des Buches und der Ankläger aus New
Orleans hat sarkastischerweise die Rolle des Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses, der den Mord aufklären sollte und
der offenbar mehr zu seiner Verschleierung als seiner Aufklärung beigetragen hat: Richter Earl Warren, Namensgeber des Warren-Reports. Denn dieser Film ist viel mehr als Unterhaltung oder Kunst. Dieser Film, und das ist offenkundige Intention des Regisseurs,
soll den Menschen die Augen öffnen, soll helfen, den Sand, den mächtige Gruppen gezielt permanent in deren Augen streuen wegzuspülen,
soll helfen, aus einer schein-Demokratie mit diktatorischen Zügen wieder eine echte Demokratie zu machen, soll helfen, dass
die Menschen des Landes nicht mehr geistige Sklaven der gesteuerten Medien und kommerzielle Konsum- und Soldaten-Sklaven der
Großverdiener sein sollen. Dieser Film ist offensichtlich angetreten, den Menschen klarzumachen, dass nicht allein der Ruf,
America is under Attack Tausende Tote am anderen Ende der Welt rechtfertigt. Dieser Film ist angetreten aufzuklären, wo die
wahren Interessen hinter diesen regelmäßigen Raub- und Beutezügen der USA in alle Welt liegen. Dieser Film soll die Menschen
und vor allem die Jugend vorwarnen, ebenso wie Bruce Springsteen vor seinem Song 'War' erklärt: In these days blind faith
in your leaders will get you killed. Ein mehr als mächtiger Anspruch! Nicht einmal Michael Moore würde wohl all diese Ziele gleichzeitig für einen, nicht einmal
in allen seinen Filmen für sich beanspruchen. Doch Stone ist nicht weniger ambitioniert als Moore die Zustände in seinem Land
anzuprangern. Nur sieht er die historische Dimenson, während Moore eher Enthüllungsjournalismus betreibt. Mit Platoon hat Stone Vietnam portraitiert, das er selbst als Soldat erlebt hat, Born on the 4th of July nimmt sich des Schicksals
der vergessenen Vietnam-Veteranen an, jenen oft körperlichen und seelischen Krüpeln, die ihre Gesundheit, ihre Zukunft, ihr
Leben für einen Kommerz- und Stellvertreterkrieg opfern mussten - einen, den Kennedy verhindern wollte. Mit Nixon schließlich
beleuchtet Stone die Moral der politischen Gegenseite, der Kennedy-Gegenseite. Die Seite, die in der Folge Reagan, Bush I
und Bush II ins höchste Amt des Landes - und wollen wir nicht kleinlich sein, der Welt - stellte. Stone ist geprägt, man würde
meinen besessen von den politischen Verhältnissen in den USA zwischen 1960 und 1975. Und in der Tat einiges hat diese Zeit
erlebt: nicht nur die Ermordung von Jack Kennedy, auch die seines Bruders Bobby einige Jahre darauf - bezeichnend: in dem
Moment, als er aufgrund seiner Vorwahlergebnisse wahrscheinlicher nächster Präsident der USA geworden war, wurde er 'zufällig'
erschossen. Dann der Mord an Martin Luther King und mit ihm an den Hoffnungen der Schwarzen auf Gleichberechtigung. Ein Land
im Aufruhr, ungelöste Probleme, ansich fehlt ein vergleichbarer Film über Martin Luther King und seine Ermordung. Auch Stones zweites ganz großes Meisterwerk neben JFK, The Doors, beleuchtet diese Zeit, besonders die drogenlastigen Gegenentwürfe,
der aufmüpfingen Jugend Ende der 60er, ihre Musik, ihre Verwirrung, ihre Revolte und ihre Zusammenstöße mit dem etablierten
System. Doch Stone scheint müde geworden der großen Themen und großen Feldzüge gegen Unmoral, Unterdrückung und Zynismus. Mit U-Turn
nimmt er schließlich förmlich eine Auszeit. Seine eigene Kehrtwende. Keine große Weltpolitik mehr, keine weltbewegenden Themen.
Ein kleines fieses Provinzspiel, böse bis ins Mark, allenfalls moralisierend, aber vor allem voller fiesem Spaß an der Dekonstruktion
der Hauptfigur. Nicht von Oliver Stone ist der Partner-Film zu JFK, sozusagen fast das Prequel jedoch wieder mit Kostner in einer tragenden
Hauptrolle: Thirteen Days, das die Vorgänge um die Kuba-Krise beleuchtet.
Hier ist JFK noch am Leben und als Präsident hat er die wohl zivilisatorisch gefährlicheste Krise der Weltgeschichte zu beweltigen
(mal abgesehen vom Untergang von Atlantis vielleicht). In diesen Tagen des jahres 1962 hätte beinahe ein Nuklearkrieg zwischen
der UDSSR und den USA begonnen, weil die UDSSR im kommunistischen Kuba quasi im Vorgarten der USA Nuklearraketen aufstellten.
Natürlich hatte dieser Vorgang eine Vorgeschichte und es wäre blaubäugig ins USA-gut UDSSR-böse Getöse unkritisch einzustimmen.
Immerhin hatten die USA strategisch nicht minder dramatisch ebensolche Waffen in der Türkei, an der Südgrenze der UDSSR bereits
in Stellung und zweitens war kurz zuvor die Invasion Kubas peinlich misslungen (das Schweinebucht-Debakel) und Castro hatte
jedes vernünftige Motiv, sich vom Überväterchen Russland waffentechnisch Unterstützung zu holen. Wenn auch Castro wie Chruschtschow
sich gehörig darin verschätzten, wie die USA auf diese Situation reagieren würden. Die beinahe-Kriegserklärung durch Kennedy
war offenbar eine erheblich heftigere Reaktion, als man sich vorher ausgemalt hatte. Das Interessante für Stones JFK ist dabei: In dieser Situation, so wie Thriteen Days sie zeigt, finden sich spielend mehrere
Motive, warum man hätte Kennedy beseitigen wollen. a. Das von dem nie gesprochen wird: JFK hat das Schweinebucht-Debakel zwar nicht erfunden, aber verantwortet, was die Kuba-Krise
wesentlich mit-verursacht hat. Ein dramatsicher Fehler, der um ein Haar Milliarden Tote gefordert hätte. Konnte man sich einen
solchen Präsidenten leisten? b. In Thirteen Days wird überdeutlich, wie wenig Kennedy seine Entscheidungen vom Militär beeinflussen läßt, wie klar er macht,
dass die Generäle unter seinem Befehl stehen, nicht umgekehrt und wie oft die Generäle sich unter der Hand über den 'Mistkerl'
ärgern. c. Natürlich hatten die Verlierer der Schweinebucht ein Motiv sich, paranoid oder nicht, sich im Stich gelassen zu fühlen
und auf Rache zu sinnen. Dazu kommen die Motive im weiteren Umfeld des Vorganges: auch die USA haben durchaus mehrfach versucht Castro zu eliminieren.
Und auch ganz andere Fragen gab es daneben: es gärte im Land und JFK trieb die gesellschaftlichen Fragen nach Armut, Rassentrennung
und Menschenrechten voran und damit für einige auf die Spitze. Auch das konnte radikal-konservativen Kräften nicht gefallen.
Kennedy hat wohl ehrliche und gute Ziele haben müssen, wenn er sich so viele Feinde damit geschaffen hat, dass sie ihn am
Ende umgebracht haben. Das Ergebnis ist bekannt. In Anbetracht solcher Motive scheint es in der Tat höchst unwahrscheinlich, dass ein Amateur wir
L.H. Oswald eine olympiareife Schießleistung erbracht haben soll um JFK ganz allein abzuservieren, wenn es doch derart viele
Gründe gab, dass ungleich mächtigere Kreise dieses Ziel verfolgt haben könnten. Eine Verschwörungstheorie also? Freilich, doch ist dieses Attribut allein Maßgabe dafür, dass die Theorie hier nicht die Wahrheit
sein kann? Natürlich ist es einer langen langen Diskussion würdig, ob dieser Film in dieses Kapitel, oder in das vorige gehört, das sich
mit glasklarer Historie befasst. Wieviel von dem von Oliver Stone hier virtuosest Dargebotenen sich so abgespielt hat und
wieviel der eloquenten Feder von Jim Garrison entflossen ist, daran scheiden sich die Geister. Aber in jedem Fall Geschichtsunterricht und Anregung zum selbständigen und kritischen Denken der besten Art. Beide Filme sollten
in den Schulen als Pflichtlektüre zur Zeitgeschichte vermittelt werden.
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