Wer die Musik dieser Band verstehen will, braucht diesen Film. Jeder andere auch. Bevor ich diesen Film gesehen hatte, habe
ich mit der Musik der Doors schlicht nicht viel anfangen können. Und das war nicht ohne Grund so. Weder war mir klar, dass
es sich vor allem um vertonte Gedichte von Jim Morrison handelt, noch, dass es Programm und Ziel war, die gängigen Grenzen
zu durchbrechen ...Break on through... und die Tore, die Doors, aufzustoßen zu anderen Bewußtseinsebenen und Sphären und Wahrnehmung
...to the other side... der Existenz oder gerne auch des Todes. Denn war Jim Morrison auf einem Todessehnsuchts-Trip mit zu
viel Alkohol und einer Beliebigkeit von Drogen? Schwer zu beurteilen, doch Mitteilsam sind seine Geschichten, wenn auch oft
verstiegen und voller dunkler Andeutungen, auf Tod, Mord, Inzest und Grauen, Inhalte, die zu verstehen eine Kenntnis erfordert,
die dem interessierten Neuling - wie mir selbst zu jener Zeit - nicht in die Wiege gelegt war. Man kann nun natürlich Fragen: sollte eine Kunstform nicht intuitiv zugänglich sein, quasi ohne Vorwissen, quasi ohne Kenntnis
von Umständen und dahinterliegenden Ideen? Sollte die Kunstform, geradezu als ihre Hauptaufgabe, nicht ihr Anliegen intuitiv
verständlich vermitteln können, sollte sie nicht einfach zugänglich sein? Nun, ja und nein, vielleicht. Immerhin gibt es jede Menge triviale Voraussetzungen die einem einfachsten Verständnis bereits vorausgehen, die natürliche
Barrieren bilden, wie z.B. die Kenntnis einer Sprache in der ein Werk der Kunst vorliegt. Aber eine Stufe darüber auch weitere:
Konnotationen aus Kultur und oft auch Subkultur ergeben einem Text nicht selten erst Sinn. Und höhere Genüsse sind zuweilen
sogar erst in einer verquasten Form von halb-metaebenigen Andeutungen auf andere Kulturgüter erst möglich, quasi dann als
eine Referenzen-Kunst, die die Stärke ihres Eindrucks und ihrer geistigen Impulse aus der Stärke in der Erinnerung an ihre
referenzierten Werke, ihre Komplexität aus Verweisen auf bereits bekannte, bekanntermaßen beeindruckende Werke bezieht und
damit geradezu den Faszinations-Turbo einlegt. Eine Technik, mit der Quentin Tarrantino und unzählige Andere in Film und Musik
Erfolge feiern. Der Mensch ist offenbar in der Lage diese Referenzen intuitiv aufzulösen, mehrere Erinnerungen und Assoziationen
quasi gleichzeitig zu bedenken und darüber einen Grad an geistiger und emotionaler Vereinnahmung durch die Kunst zu erleben,
die einfacher gestrickten Darbietungen doch zuweilen abgeht. Ein Feuerwerk an Momentaufnahmen und Assoziationsketten brennt
in der Großhirnrinde ab und gebiert Eindrücke von besonderer Intensität. Und nicht zuletzt ist das eigenständige Erarbeiten
einer Erkenntnis stets lohnender und befriedigender, also in objektiver Hinsicht besser, wegen eines Lerneffektes und subjektiv
besser, wegen der inneren Genugtuung es erreicht zu haben, damit viel besser, als der nackte, leere, oberflächliche Konsum.
Und noch einmal jenseits des vom Kunstschaffenden vorgedachten kann Kunst natürlich auch Denkvorgänge im Betrachter anstoßen,
die weit über das hinaus gehen, was der Kunstschaffende je im Sinn gehabt hätte. Das Erlebnis des freien Assoziierens, des
sich klar werdens über einen Sachverhalt, des weiterdenkens in eine Gedankenwelt hinein, in die man ohne den künstlerischen
Anstoß vielleicht niemals vorgedrungen wäre, auch und vor allem das ist im Erleben jenseits dessen, was durch matte banale
Verständlichkeit erreicht werden kann. Dieser Effekt tritt überhaupt erst ein, wenn die Kunst ein Rätsel bleibt, man sich
selbst den Reim zu machen versuchen muss, weil keine Lösung und keine Hilfestellung in Sicht ist und man dabei viellicht sogar
im ersten, zweiten, dritten Anlauf scheitert - doch die Geistesfortschritte, die man zwischenzeitlich zu tun genötigt war,
sind wertvoll, genussvoll und glückspendend. Der Weg ist das Ziel. Sollte eine Kunst also verständlich sein - vielleicht, sollte sie leicht verständlich sein, ein klares nein.
Nun ja, dieser Sorte Kunst ist die Musik der Doors soweit ich das beurteilen kann, dann doch nicht. Jedoch originär, ein anderer
Hebel zur Vereinnahmung, das ist sie und in ihrer Provokation, in ihrer verachtenden Härte oft schockierend. Jim Morrison,
das zeigt der Film deutlich, war auf der Suche und hat die Grenzen nicht nur geprüft, sondern überschritten, bewußt, absichtlich,
das Risiko suchend. Und Oliver Stone setzt ihm ein Denkmal, eines, das neben dem Blumengeschmückten, auf dem Friedhof in Paris
besteht, eines, das zeigt, wer er war, was er wollte, wie seine Musik zu verstehen war: roh, hart, provokant, mytisch.
Schon hier setzt Oliver Stone zu seinem visuell perfektionierten Erzählstil an, den er in JFK wenig später perfektionieren
soll, ein Stil der den Zuseher förmlich in die Geschichte einsaugt, der ein Maß an Authentizität vermittelt, dass die Handlung
zu leben beginnt, das Lebensgefühl der Zeit und der Protagonisten glasklar macht. zweitens besteht die Filmmusik ausschließlich
aus exzellent ausgewählten Doors-Songs, die eine Einheit bilden aus Handlung und der offenbaren Verarbeitung dieser Erlebnisse
in den Liedern. Und drittens mit einem Val Kilmer, der Jim Morrison mystisch und chaotisch, selbstzerstörerisch und selbstverliebt,
charismatisch und schweinisch, unbändigbar und sinnsuchend, wahnsinnig und genial - nicht nur spielt sondern verkörpert, geradezu
wieder zum Leben erweckt. Ein Film über einen Derwisch, einen Schamanen und seiner Kollision mit der Erwartungshaltung der Gesellschaft. Nicht schwer
auszudenken, wer diese Kollision überlebt. War es gut Jim, als er kam? So wie Du es Dir vorgestellt hast?
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