Walk the Line ist für sich genommen ein grandioser Film, der den Werdegang von Johnny Cash bis zu seiner Hochzeit mit June
Carter Ende der 60er Jahre genau beleuchtet. Der Film hat alles, was ein eindrucksvolles Biopic braucht: einen grandiosen
Hauptdarsteller, der in beinahe jeder Einstellung zu sehen ist ohne zu nerven, eine überzeugende Zeichnung der Zeit und der
Sitten und Moralvorstellungen unter denen das künstlerische Talent sich entfaltet und gegen die es sich behaupten muss. Man
lernt sogar, dass die damals ebenfalls noch recht unbekannten Herren Jerry Lee Lewis und Elvis Presley zusammen mit Johnny
Cash durch die USA getourt sind. Aber warum klingt all das dann so skeptisch? Walk the Line hat ein Problem, das sich nicht jedem Zuseher sofort offenbart (was ein Segen ist) und für das die Produzenten
des Films auch keine wirkliche Schuld trifft. Und doch ist es eben so: offenbar verlaufen die Leben der modernen Stilikonen
der aufbegehrenden Jugendkultur der 50er und 60er Jahre recht oft recht vergleichbar. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich,
wie wir gleich anführen werden. Doch zuerst zum Kernproblem: in Walk the Line erlebt der Zuseher einen sehr sehr ähnlichen
Lebensweg um nicht zu sagen regelrecht eine Kopie des Weges von Ray Charles, in dem ebenfalls hier besprochenen Biopic Ray.
Die Ingredienzien sind beinahe schon furchterregend ähnlich: armer Junge, tragischer Tot des Bruder in jungen Jahren, Schuldgefühle,
der Wille nach oben zu kommen, ein Talent, die erste Platte, die erste Affäre, die Millionen, die Musik, die Fans, die Drogen,
der Alkohol, der Verfall, das beinahe-Ende, die Rettung, das Comeback. War es bei Joe Cocker anders? Oder bei Rod Stewart,
oder bei Elvis? Gut, bei Hendrix war es anders bei Janis und bei den Doors auch, weil die die Drogen nicht überlebten. Doch
irgendwie gleichen sich gerade diese beiden verfilmten Geschichten so sehr, dass man sich schwer tut, das noch sehen zu wollen. Ein Segen für all die, die Ray nicht gesehen haben (oder an einem schlechten Gedächtnis leiden): denn wer Ray nicht kennt
und am Ende die Country-Musik und den weißen Rock and Roll dem Blues und dem Soul vorzieht, der ist mit Walk the Line hervorragend
beraten. Obwohl man schon sagen muss, das in Ray die Musik eine viel größere Rolle spielt als in Walk the Line, was vielleicht
schon an der musikalischen Qualität der Songs liegen mag. Trotzdem ist Walk the Line ein grandioser Film. Für alle anderen aber muss er irgendwie wie eine Kopie von Ray in Weiß erscheinen. Weiße Eltern, weiße Musik, weißes Publikum,
weiße Rhythmen. Aber erstaunlicherweise: dieselben Probleme, beinahe aufs I-Tüpfelchen. Steckt hier die Lehre des Films? Für sich genommen zeigt Walk the Line das Faszinosum des Man in Black. Sein Leid aus dem seine Musik entspringt, sein unablässiger
Kampf um seine Traumfrau June. Er ist auch die Geschichte dieser wahrlich legendären Liebe. Und nicht ganz zufällig hat wohl
Johnny seine June auch nur um 4 Monate überlebt. Dieser Film scheint zu rufen: es lohnt sich zu kämpfen, wenn du etwas wirklich
willst. Alles andere ist für Schwächlinge. Ein sehr weißer Traum im Amerika der 50er Jahre. Vielleicht muss man den Film sogar im Duett mit Ray verstehen, als zweite (weiße) Seite einer Medaille. Denn offenbar sagen
beide zusammen mehr aus, als jeder für sich: Die Probleme dieser Männer waren dieselben, obwohl sie nach der Rassenlehre der
50er Jahre nichts gemein hatten. Beide hatten sie Talent und beide wurden sie verstrickt in einen Wirbel um sich selbst, aus
dem sie beide nur knapp mit dem Leben davonkamen. Beide haben ihren Ruhm erworben indem sie die engstirnigen Vorstellungen
ihrer Zeit mit ihrer Musik und ihren Texten sprengten. Ray hat Gospel und Blues zum Soul vereint und wurde angefeindet, er
missbrauche die Musik Gottes und die Religiösität und werde dafür in die Hölle kommen. Und Cash hat ganz ähnlich mit seinen
Texten Themen von Untergang und Gewalt thematisiert und wurde dafür ebenfalls heftig gescholten. Doch beide haben etwas bewirkt.
Sie haben diese Tabus gebrochen und den Menschen, die ihnen zugehört haben zu einem freieren Leben verholfen. Van Morrison singt: Rock and Roll set me free in body and soul. Man profitiert von der Kraft dieser Musiker, die einen befreien
kann. Doch diese Kraft, sich hinwegzusetzen über all das was das gemeine Publikum erwartet, scheint so oft nur aus großem
Leid zu fließen. Das war auch schon bei Beethoven nicht anders. Wer beinahe alles verloren hat, kann das tun, was er für wahr
und aufrichtig hält. Und in der Musik ist nichts anderes wichtig. I fell into a burning ring of fire, I went down, down, down, And the flames went higher, And it burns, burns, burns, The ring
of fire
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