Zuerst fiel mir dieses riesige Papp-Standbild im Foyer unseres Kinos auf. Eine Pappskulptur, aus dem einem dieser riesige
Schiffsbug frontal entgegen kam, als käme das Schiff direkt auf mich zu. Dann las ich 'Titanic' und Leonardo di Caprio. Naja.
Es ist schon erstaunlich, wie schnell Interesse entsteht und noch mehr, wie schnell es wieder vergehen kann. Schönling Leo
in einem Film dessen Ende jeder schon kennt. Ein nasses Ende. Ein frustrierendes Ende. Kein Happy-End, jedenfalls für Tausende
nicht. Wer will sowas schon sehen. Erst als ich schon wieder weitergehen wollte sah ich es: ganz unten am Bug des Schiffes
standen die magischen Worte, die mich wissen ließen: ich werde diesen Film sehen. Da stand: 'Ein Film von James Cameron'.
Der Meister würde den Untergang der Titanic inszenieren? Das würde ja sogar Leo verschmerzbar machen! Und so ging ich noch
in der ersten Woche in einen Film, von dem ich schon wußte, wie er ausgehen würde. Naß, aber nicht fröhlich. Und ich durfte mich ein weiteres Mal von der Kunstfertigkeit vergegenwärtigen, die wenigen gegeben ist. Es sind bei weitem
nicht die visuellen Effekte, die Brillanz der Kamera und der gesamten Inszenierung, die Schauspieler, die über sich hinaus
wachsen, die diesen Film zu etwas besonderem machen. Nein, es ist noch mehr die Geschichte selbst, die weit mehr erzählt als den Untergang eines Schiffes, vielleicht gerade weil
die Geschichte bekannt, um nicht zu sagen ein Gemeinplatz ist, kann James Cameron seinen Blick auf die Details richten, weil
die Grundstruktur so elementar, so klar und einfach ist, so klar wie der Überlebenskampf an sich, nur verkleinert auf diesen
Mikrokosmos des Schiffes, das verloren daliegt in den Weiten des schwarzen Ozeans, ganz, wie die Erde in den weiten des Universums
schwebt. Genau deshalb kann er sein Panoptikum der Welt ausbreiten, zeigen, wie die von Vornherein erkennbar sind, die sterben
werden, weil sie keinen Lebenswillen haben, wie die Verzagten sich klammern an den Pfaffen und seine Floskeln, wie die Würdevollen
erstarren im Angesicht des Todes. Er kann erzählen und die Sehnsüchte der Menschen nach Liebe und Treue, nach der Überwindung
des Todes und nach Zusammenhalt und Rettung in allen Details beleuchten. Und er tut dies immer wieder stark kontrastiert und
konterkarriert von der Gewalt und der Gefühllosigkeit der Technik, von wummernden Maschinen und berstendem Stahl und derer
von Wahnsinn und Untergangsgewissheit Gezeichneten, die sich dem Tod hingeben, wie die Lemminge. Und inmitten des Chaos, als
Reiseleitung und Vehikel positioniert Cameron seine beiden einzigen erfundenen Personen des ganzen Films: Rose und Jack. Mit Titanic hat James Cameron nicht weniger geschafft, als alles das was Hollywood seit den neunzehn-dreisiger Jahren entwickelt
und perfektioniert hat in einem einzigen Film zusammenzufassen und zu einem Höhepunkt wie einem Schlusspunkt zu bringen. Ganz
so, wie Johann Sebastian Bach mit seiner Kunst der Fuge nichts mehr übrig lies, was die Barok-Musik noch sagen hätte können,
hat Cameron mit Titanic allen nachkommenden Filmen was Wort abgeschnitten. Nach Titanic ist es noch viel schwerer geworden,
noch etwas zu zeigen, etwas das einen fesselt, wirklich erstarren läßt. Ob es die reale Dimension ist, illustriert zu bekommen, was sich damals wirklich abgespielt haben muss (und trotz der Zeit
nicht in Schwarz/weiß und ruckelnden und zappelnden 20 Bildern pro Sekunde) sondern ganz in Farbe, real, in Technicolor und
THX. Und wie ein begnadeter Erzähler es zu tun pflegt, gibt er dem ganzen einen Rahmen und läßt seine Hauptperson als alte Frau
erzählen, was sich zugetragen. Zu dem hemdsärmeligen Nerd mit seinem Kopfschuß-Smilie auf dem T-Shirt, der gerade noch erklärt
hat, dass er genau weiß, es sogar am Compuer simuliert und illustriert hat, wie die Titanic untergegangen ist, dass zuletzt
ihr riesen-Arsch senkrecht aus dem Wasser ragte - und das war wirklich ein RIESEN-Arsch - erklärt sie nur schmunzelnd: dann
werde ich Ihnen jetzt wohl erzählen was damals passiert ist - was wirklich passiert ist. Und genau das tut James Cameron dann. Er nimmt den Zuschauer mit in diese alte Welt, vor der Zeitenwende der beiden großen
Kriege. In eine Welt voller Ständeunterschiede und Arroganz, voller Armut, voller Ausbeutung. Auf der anderen Seite die neue
Technologie, die Stahlkolosse und die wahrhaft unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten. Die erste Hälfte dieses Films ist ein
für Cameron-Verhältnisse sehr langsames, jedoch keine Sekunde langweiliges Sozial-Drama, das die Szenerie bereitstellt für
das was kommen soll. Die Schatten werfen sich lange voraus und die Tatsache, dass jeder, aber auch wirklich jeder Zuschauer
weiß, was kommen wird, hält James Cameron weder davon ab, das Szenario minutiös vorzubereiten um dann all denen, die genau
wussten was kommen würde, etwas zu präsentieren, was sie nie gedacht, niemals erwartet, in seiner Dramatik und desaströsen
Schönheit niemals sich hätten vorstellen können. Er zeigt en Detail, wie es ist, wenn ein solcher Ozeanriese untergeht: grauenvoll.
Und es kommt auf den Zuschauer zu, er weiß es. Langsam, unaufhaltsam. Inmitten dieses Chaos ist es ist die Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau, die die Fesseln ihrer Zeit sprengt und
sich in das längst überfällige neue Jahrhundert aufmacht. Wie bei Cameron üblich steht wieder eine starke Frau im Mittelpunkt,
eine Frau, die dort konsequent ihre Stärke findet, wo die Männer versagen. Inmitten dieser Hyperventilenz ihre Gesellschaft, die sich ob ihrer technischen Errungenschaften für unbezwingbar, für die
Herrschaft der Welt hält, so lange, bis ihr die Macht der Elemente zum Verhängnis wird steht Rose wie der Vorbote der neuen
Welt in die die Titanic eigentlich einlaufen wollte, doch nie ankam. Weil die Menschen aus purer Arroganz sich für unbesiegbar
halten, wird dieses Schiff, diese Gesellschaft, diese ganze Epoche auf halber Strecke untergehen, werden alle absaufen, wie
die Schweine im Eiswasser des Nordatlantik. Natürlich ist das ganze wie ein Omen, wie ein Vorbote, eine Metapher auf das Desaster,
das das 20. Jahrhundert bringen wird. Der Stahl wird bersten und die Menschen werden zu tausenden untergehen. Und der Arsch
der Gesellschaft, der gesamten Zivilisation wird aus dem Wasser ragen, dass man meinen könnte, sie wird für immer hinuntersinken
in die Tiefen der Barbarei und nie wieder daraus zurückkommen. Rose steht hier für die moderne Menschheit, die die Realität sieht, die sich der Liebe als einzige Macht des Lebens erkennt
und sich nicht blenden lässt von Denkweisen, die vorgeben, wie die Welt zu sein hat. Sie blickt unvoreingenommen auf die Dinge,
nicht borniert und zwanghaft, sondern realistisch. Ohne gesellschaftliche Schranken, die Freiheit immer im Blick, der Notwendigkeit
und dem Herzen folgend. Sie verwehrt sich ihrer Zwangsverheiratung und sucht ihren eigenen Weg, sie bricht aus aus dem Schicksal
der Abhängigkeit, das ihre Mutter für eine Frau noch für völlig unabwendbar hält. Sie bricht aus in eine neue Epoche, heraus
aus der überkommenen, die mit dem Schiff unter ihr versinkt. Doch am Beginn ist alles lange vorbei. Rose ist gerade 101 Jahre alt geworden. Sie lebt und lebt, weil sie es ihrem Jack seinerzeit
versprochen hat, nicht aufzuhören zu leben und seine Erinnerung weiterzutragen in ihrem Herzen. Sie lebt und erzählt nun 86
Jahre nach der Havarie die Geschichte, am selben Ort, wenige Tausend Meter über dem Wrack der Titanic. Sie berichtet zum ersten
Mal von Jack und ihrer kurzen aber heftigen Begegnung in jener Nacht. Und erst als sie ihre Geschichte erzählt hat kehrt sie
heim an jenen Ort, der der einzige ist, an den sie wirklich gehört: zu Jack und den vielen Tausend anderen Toten des Untergangs.
Dort wird sie empfangen wie eine Heimkehrerin, die verlorene Tochter, die von Jack gerettet weiterlebte um die Erinnerung
zu erhalten und sie der Nachwelt zu berichten - die Erinnerung an das Unglück und die Erinnerung an den Menschen Jack Dorson,
der nirgends verzeichnet war, und dessen Namen sie annimmt, weil sie zu ihm gehört, auf immer. Ihre Mission ist erfüllt. Es
ist als hätte sie ihr Leben lang darauf gewartet es an diesem Ort zu vollenden, ihre Geschichte zu erzählen und ihren Jack
wiederzutreffen, an diesem unwahrscheinlichsten aller Orte mitten auf dem kalten unwirtlichen Nordatlantischen Ozean. Und der Diamant, den die Schatzsucher in der Titanic suchen, und statt des Diamanten eine Rose, nämlich die alte Rose und
ihre Geschichte finden, dieser Diamant heißt 'Das Herz des Ozeans' und Rose trägt ihn seit dem Unglück mit sich, bis sie ihn
am Ende an den Ozean zurückgibt - das Herz des Ozeans. Auch wenn dieser Kanon gerade keine Aufzählung von Blockbustern sein
will, so führt an diesem Film doch kein Weg vorbei. Nur daß ein Film auch ein ökonomischer Erfolg war ist kein Garant dafür,
daß er schlecht ist. Wenn es einen perfekten Film gibt, dann ist es wahrscheinlich dieser.
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