Kanon des modernen Films
Eros
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Hinführung
Erotik wird viel produziert. Angeblich. Doch was haben Filme wie 91/2 Wochen oder Emanuelle mit Erotik zu tun außer dem recht großzügigen Umgang mit nackter Haut? Die Antwort ist simpel. Zumeist gar nichts. Sie sind sterbenslangweilig. Keine Stilrichtung, kein Thema der Filmgeschichte erfreut sich eines derart illustren Spektrums und dabei einer derart umfangreichen Auswahl von Dämlichem bis Unerträglichem. Duch unter all dem Schrott finden sich Preziosen, kleine Meisterwerke, die keiner Irritation ob des Themas zum Opfer gefallen sind.
Beinahe alle Filme zur menschlichen Kopulation und ihrer komplexen und freudigen Vorgeschichten sind umstritten - häufig genug zurecht. Warum ist es also offenbar so schwer einen guten erotischen Film zu drehen? Der Gründe gibt es nicht wenige. Erstens neigen erotische Filme dazu, einmal diese Richtung eingeschlagen, sich dann einzig und allein auf Eros und Sex zu fokussieren, entsprechende Freiheit von einer darüber hinaus gehenden halbwegs vernünftigen Handlung miteingeschlossen. Was dabei dann herauskommt ist entweder ein unverblümter Porno, in dem Schauspieler in allen Details sichtbar miteinander alles machen, was zu Eros und Sex gehört, oder man schummelt und quält sich den ganzen Film lang um diese Wahrheiten verschämt herum, was für den Zuseher ebenfalls sinnlose Qual bedeutet.
Zweitens sind Schauspieler, die sich allzu freizügig und erotisch vor der Kamera bewegen häufig entweder von minderer Schaffenskraft, ihre Kunst eher unterdurchschnittlich, oder man schafft es tatsächlich hochklassige Mimen zu verpflichten und ergeht sich in erotischer Hinsicht doch wieder nur in Andeutungen. Denn gute Schauspieler, die ohne Scham Intimes darbieten sind dünn gesät und auch die Guten laufen Gefahr in einer so emotional komplexen Situation wie einer erotischen, ihr Talent unvermittelt einzubüßen. So oder so, werden schließlich Sexszenen gezeigt, bekommt der Zuseher mehrheitlich langweiliges pseudo-ästhetisches Geräkel vorgesetzt, welches weder mit Sex noch mit Erotik etwas zu tun hat, vielleicht mit der einen Ausnahme, daß die Schauspieler dabei nackt sind - meistens wenigstens. In amerikanischen Filmen tragen Sie abstruserweise dabei aber zuweilen Unterwäsche.
Drittens wird der erotische Film allzu leicht von Publikum und Kritik in die moralisch bedenkliche, peinliche Ecke gestellt, zusammen mit echter Pornographie und Gewaltverherrlichung. Dem Film und seinen Machern bleibt wenig Auswahl: Entweder man distanziert sich hier entschieden, deklariert geile Lust als metaphorische Kunst, trennt Eros und Sex so radikal, daß jede Glaubwürdigkeit abhanden gerät und der Film in einem merkwürdigen Paralleluniversum voller kastrierter Erotomanen zu spielen scheint oder aber der Film darf auf nicht allzu viel Akzeptanz im Zuseherdurchschnitt hoffen. Das christliche Mittelalter mit seiner eigenwilligen Sexualmoral ist hier noch nicht so weit zurück, wie es der moderne Mitteleuropäer gerne glauben will.
Wohl unter anderem aus dieser zerfahrenen Situation heraus finden sich gerade unter den erotischen Filmen viele, die sich Prädikate wie Machwerk oder Schmotzette, langweilige Nabelschau oder dümmliche Fleischbeschau mit spielerischer Leichtigkeit verdienen. Man denke an zeitgeistige Machwerke, wie Caligula mit seinen ungebremsten echten Orgien, aber komplett abwesender Handlung, oder an die Neuverfilmung des Klassikers Atemlos, der zur bloßen Nackt-Präsentation der Kapriski und Richie Gere verkommt.
Man kann es dem Publikum also offenbar kaum recht machen. Einmal gerät der humorvolle Umgang mit Sex schnell zur schwer erträglichen Banalität, weniger feuchtfröhlich, als spießig anrüchig, allzu ernste, pseudo-tiefsinnige emotionale Darstellungen gelten als schwülstig, Filme über das Erwachen der Lust geraten in den Verdacht der Kinderpornographie, Machogehabe, Feminismus, keines dieser Attribute entspannt die Situation. In Wirklichkeit scheint auch die Verstrickung der Zuseher selbst in die Schizophrenie aus Lust und Tabu die Situation nicht gerade zu verbessern.
Denn letztlich läßt sich noch ein weiteres beobachten: die Erotik bedarf paradoxerweise der nicht-Erotik um sich von ihr abzuheben. Am erotischsten sind erotische Szenen, mit denen der Zuschauer in ganz normalen Filmen sehr überraschend aber inhaltlich schlüssig konfrontiert wird. Nur im Kontrast zu nicht-erotischen Elementen tritt der Reiz des Erotischen überstark hervor, wird er zum emotionalen Erlebnis. Daher ist der erotische Film in gewisser Weise von vornherein zum Scheitern verurteilt, da er schon bei seiner Benennung als solcher sein Ziel verfehlt, unerotisch und langweilig wird und infolgedessen dann all die genannten Schmähungen über ihm ausgebreitet werden.
Daß es auch anders geht soll die folgende Auswahl zeigen. Und dabei handelt es sich natürlich nicht notwendigerweise um genuin als erotisch konzipierte Filme. In der Mehrzahl sind es wohl Dramen, jedoch mit einem sehr erotischen Anteil.
Und eine Erkenntnis bleibt am Schluß: Wirklich Ahnung von Erotik scheinen ganz dem Klischee folgend vornehmlich die Franzosen zu haben, auch wenn die hier referierte Liste dies nicht zwingend beweist. Hollywoods Hauptfach ist es jedenfalls sicher nicht.

Full Body Massage (1995)
Full Body Massage
Nicolas Roeg ist Niederländer wie Paul Verhoeven. Damit verbunden ist offenbar ein gewisses provokantes Desinteresse gegenüber geltenden amerikanisch/puritanischen Tabus. Dies betrifft in der bildlichen Darstellung, wie weithin bekannt nicht etwa extensive Gewaltdarstellung, sondern vor allem den ungezwungenen Umgang mit unzensierter Nacktheit. Doch diese ist in Roegs Filmen weder Selbstzweck, was sie unerotisch machen würde, noch Methode, was man Verhoevens kalkulierten Tabubrüchen unterstellen könnte. Bei Roeg hat die nackte Haut eine tiefere Bedeutung, sie spiegelt Freiheit, Erkenntnis des eigenen Selbst, spirituelle Wanderung und die Fähigkeit zur ganzheitlichen Wahrnehmung.

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Die Schöne Querulantin (1991)
Die Schöne Querulantin
Ein langer Film über die Kunst, die Menschen, das Leben. Ein Film über Ruhe, über die Quelle der Kunst, über die Wahrheit und über das Alleinsein. Ein Künstler, ein Modell. Sie entblößt sich, er versucht ein Kunstwerk zu schaffen. Doch es funktioniert nicht, aus vielerlei Gründen. Was er malen will, das ist nicht nur nicht allein, ist gar nicht ihr Körper. Was er malt ist ihre Seele, ihre Weiblichkeit, ihre Grazie, die Essenz der Faszination. Und als es gelingt (gelingt es?), ist es zu stark (oder zu schwach), es muss in jedem Fall verborgen bleiben, ein Mythos. Ist er in der Kunst oder in seiner Grandess gescheitert.

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Das wilde Schaf (1974)
Das wilde Schaf
Betrachtet man mindestens zwei andere kleine Meisterwerke des Affekts von Michelle DeVille, Eine Sommernacht in der Stadt und Die Vorleserin wird klar: bei DeVille gibt es die in unserem gewohnten von amerikanischem Puritanismus geprägten Trennung zwischen normalem Leben und erotischen Ereignissen nicht, es gibt keinen Übergang, alles ist ein und dasselbe. Und genau dies macht seine in gewisser Weise unterkühlte Erotik aus. Hier treffen nicht geschmäcklerisch zwei Abziehbilder aufeinander, die magisch dasselbe wollen, sondern hier prallen Charaktäre, Lebensentwürfe und Lebenssituationen aufeinander, hier wird gelogen, betrogen und hintergangen, geliebt und gehasst, geneidet und erschlichen.

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