Kanon des modernen Films
Die Schöne Querulantin
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Anmerkungen
Die Schöne Querulantin
Ein langer Film über die Kunst, die Menschen, das Leben. Ein Film über Ruhe, über die Quelle der Kunst, über die Wahrheit und über das Alleinsein. Ein Künstler, ein Modell. Sie entblößt sich, er versucht ein Kunstwerk zu schaffen. Doch es funktioniert nicht, aus vielerlei Gründen. Was er malen will, das ist nicht nur nicht allein, ist gar nicht ihr Körper. Was er malt ist ihre Seele, ihre Weiblichkeit, ihre Grazie, die Essenz der Faszination. Und als es gelingt (gelingt es?), ist es zu stark (oder zu schwach), es muss in jedem Fall verborgen bleiben, ein Mythos. Ist er in der Kunst oder in seiner Grandess gescheitert.
Doch bemerkenswert: In Gang gerät der künstlerische Prozess zwischen dem alten Mann und der jungen wütenden Frau erst, als die sie dem Künstler ihre Seele zu zeigen gewillt ist, und das geschieht erst, als sie die Regie über den künstlerischen Prozess übernimmt. Sie öffnet sich erst, als sie es nach ihrem Rhythmus tun kann, ohne seine Posen, in die er sie zwingt. Sie wird dabei zur treibenden Kraft, er (ein wenig) zu ihrem Werkzeug. Erst als die Frau des Künstlers interveniert verschiebt sich die Macht zwischen Model und Maler wieder zurück, geht er nicht mehr auf sie ein, sondern folgt seiner Hybris blind bis zum Ende.
Wer schafft hier die Kunst? Ist sie die Künstlerin, deren Artistik er nur abbildet? Ist die Kunst eine Regung die lediglich durch das Model als Medium und den Künstler als Ausführenden auf eine Leinwand gebracht wird? Ist die Kunst unabhängig vom Künstler? Ist das engelsgleiche einer Frau, das in kurzen vergänglichen, aber göttlichen Momenten aufblitzt die Quelle dessen, das einzufangen alle Künstler auf ihre Weise versuchen? Ist dieses Engelsgleiche in der Frau oder in dem die Regung Empfindenden? Das engelsgleiche oder das monströse weil unschuldig machtvolle darin.
Ein Film voller Fragen, ohne Antworten. Doch die Filme, die die Fragen aufwerfen sind doch am Ende die wertvollsten. Eigene Antworten finden zu dürfen, der Anstoß die Dinge zu überdenken, ist das nicht das größere Geschenk, als eine Antwort zu erhalten? Eine Antwort deren Aussage vielleicht noch nicht einmal zu einem passt. Das Denken ist das größte Geschenk des Menschen. Filme, die das Denken anzuregen vermögen, berühren, stimulieren unsere innigsten Talente.
Währenddessen stellt sich heraus, dass der Maler aber etwas sucht, das er verloren hat, vielleicht damals verloren hat, als seine Frau sich ihm unterwarf. Er sucht das Eigenständige, die Borstigkeit, nicht die Hörigkeit. Er sucht einen Widerpart, ist gelangweilt von der Ehrerbietung die man ihm allenthalben entgegenbringt. Diese Suche ist versinnbildlicht in dem alten Projekt, das er nie zum Abschluss bringen konnte, wohl weil ihm weder Model noch Muse dazu zur Verfügung standen: Die schöne Querulantin. So sollte das Bild heißen, so sollte ihr Gegenstand sein. Doch die Querulantin hatte er verloren, wenn er sie je gehabt hatte. Vielleicht hatte er sie auch nur in seiner Frau sehen wollen. Vor Jahren hatte er das Projekt ad Acta gelegt, sich mit dem Status Quo abgefunden. Doch nach langer Abstinenz übernimmt er einen neuen Anlauf. Und ob er diesmal scheitert oder nicht - wer weiß so etwas schon.
Ein Film über die perfekte Frau, die man nur niemals getroffen hat, die, die es hätte sein können. Eine Meditation über das Trugbild der Träume von einem perfekten Wesen. Und über das Faszinosum der Wahnsinnigen, die Attraktivität der komplett Unvernünftigen, der puren Emotion, der totalen Abwesenheit des Verstandes im Sinne der Vernunft und des daraus fließenden Reizes des bockenden Widerstandes, der Spannung des letztlich nicht haben könnens.
Ein Film ohnehin nicht so sehr über das Scheitern, sondern über das gescheitert sein trotz des Erfolges. Ein Maler, eine Ikone seiner Zunft, betitelt Genie und Maestro. Und doch: ein Dasein voll unvollendeter Träume. Warum, man weiß es nicht, man gewinnt nur einen wagen Einblick, erhascht ein Echo der Wahrheit in diesem Labyrinth aus Intuition und kreativer Einsamkeit.
Ein sehr französischer Film, in dem Worte eher das akustische Schmuckwerk der stummen Handlung zu sein scheinen. Wo die erzählte Geschichte beinahe auch ohne die Worte auskäme, gäben sie nicht dem Arrangement eine so angenehm nichtlineare und kreative Note. Die Sprache als Esprit, nicht mehr, nicht weniger. Ein lautmalerisches Umschmeicheln, nicht notwendig Information.
Ein Film, den man weniger betrachtet als erlebt. Eine Studie, ein Standbild beinahe eines Zustandes irgendwo zwischen vollendetem Glück und der Trauer über das Vergangene dessen Wiederkehr man nur künstlich, kurz und wie einen Geist herbeirufen kann, ohne dass es verweilen würde. Ein Film über das Altern, über die guten und schlechten Seiten der ruhigen späten Jahre, in denen nichts mehr zu beweisen ist, aber zuweilen manches zu bedauern bleibt.



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