Nicolas Roeg ist Niederländer wie Paul Verhoeven. Damit verbunden ist offenbar ein gewisses provokantes Desinteresse gegenüber
geltenden amerikanisch/puritanischen Tabus. Dies betrifft in der bildlichen Darstellung, wie weithin bekannt nicht etwa extensive
Gewaltdarstellung, sondern vor allem den ungezwungenen Umgang mit unzensierter Nacktheit. Doch diese ist in Roegs Filmen weder
Selbstzweck, was sie unerotisch machen würde, noch Methode, was man Verhoevens kalkulierten Tabubrüchen unterstellen könnte.
Bei Roeg hat die nackte Haut eine tiefere Bedeutung, sie spiegelt Freiheit, Erkenntnis des eigenen Selbst, spirituelle Wanderung
und die Fähigkeit zur ganzheitlichen Wahrnehmung. Mimi Rogers spielt die Hauptrolle in Full Body Massage den gesamten Film über weitgehend nackt. Dass die Tatsache, dass ihr
Partner sie in diesem Kammerspiel am ganzen Körper massiert während sie miteinander sprechen anfangs tatsächlich nur eine
Nebenrolle spielt ist der Kühle von Roegs Inszenierung geschuldet. Freilich ist es ungewöhnlich, dass die Hauptdarstellerin
in einem Film über weite Strecken völlig nackt spielt und freilich gibt der direkte Körperkontakt, Haut auf Haut, zwischen
dem Masseur Fitch und der Frau der Situation eine zusätzliche emotionale Dimension, doch Fitch geht so diskret, einfühlsam
und professionell vor, sodass es beinahe natürlich wirkt, dass er sie massiert, während sie unter seinen Händen und seinen
Fragen ihr Leben vor sich vorbeiziehen lässt und dabei die Muster erkennt, die sie zu einer erfolgreichen und glücklichen
Frau gemacht haben - wie sie zuerst sagt. Doch nach einer Weile erkennt sie, was ihr wohl seit Langem schwant: es ist nicht mehr als gut eingeübter Selbstbetrug zu
ignorieren, dass sie zwar großzügig begütert, aber einsam geblieben ist, dass Erfolg und Anerkennung kein Ersatz sind für
menschliche Nähe, dass man Zärtlichkeit, auch verklausuliert als Massage nicht kaufen kann, dass diese Berührungen, wenngleich
Entspannung schenkend, erotisch durch die tabulose Stimulation der Haut und intim durch die unmittelbare körperliche Nähe
in der sie stattfinden, doch am Ende keine Nähe für die Seele in sich bergen und damit unbefriedigend bleiben für das, was
sie sucht. Sie bleibt allein, nackt auf der Massage-Liege, zwar verstanden und geführt von diesem Masseur, doch im Herzen bleibt sie
allein und einsam. Er tut seinen Job, während sie nach menschlicher Nähe lechtst. Sie verlangt sogar, er solle sie ganz nackt
massieren, soll auf das verschämte Handtuch, das ihren nackten Hintern noch bedeckt verzichten, ein Aufschrei nach Nähe, sieh
mich an! nehme mich als Frau wahr! Doch seine Professionalität und auch, weil er sie längst durchschaut lassen ihn seine Arbeit
unangefochten verrichten während sie von den sexuellen Momenten mit ihrem Ex-Mann tagträumt und assoziiert. Doch auch Fitch bleibt nicht ungerührt von der Erotik der Situation. Eine fremde Frau, die darum bittet, bettelt, nackt sein
zu können, sich von ihm entblößen zu lassen, er soll sie erkennen (wenn auch nicht gleich im biblischen Sinn), soll sich ihr
zuwenden, sie ist auf der Suche nach Aufmerksamkeit, mehr als nach allem andern. Und obwohl er nach außen unbewegt bleibt.
Erinnert natürlich auch er sich im Stillen an entsprechende Momente aus seiner Vergangenheit, Momente seiner Zweisamkeit. Und die Massage ist dabei auch der Themengeber, man hangelt sich vor von den Händen und Füßen, über Rücken und Beine zu den
zentralen Dingen. Als er ihre Pobacken massiert, kommen sie bei ihren Familien und den Verletzungen an, die tief in ihrer
Seele schlummern. Bald stellt sich heraus: er stammt aus einer reichen überkanditelten Familie und sucht die Einfachheit und Spiritualität,
weil er enttäuscht ist von der Welt der exklusiven Herzlosen. Und sie, das genaue Gegenteil. Sie wollte hinaus aus der Bedeutungslosigkeit
und hat sich auf diese Weise von den Eltern und deren Welt und gleichzeitig von ihrem Herzen entfernt. Suchen wir immer, was wir nicht haben? Wo ist die Lösung für diesen Konflikt, oder ist dieses Suchen genau das, was uns zum
Menschen macht? Die Unzufriedenheit, das Streben nach dem neuen, dem was wir noch nicht haben, können oder sehen? Und ganz in Roegs Vorliebe für den plötzlichen Abbruch, sagt Fitch, als es am interessantesten wird "Sie können jetzt aufstehen".
Ist es die Angst vor den wirklich wesentlichen Dingen? Denn auch sie folgt gehorsam, wenn auch für einen Moment enttäuscht,
dass diese Situation so plötzlich endet. Die Gespräche die die beiden führen sind nicht von überfordernder philosophischer Tiefe, doch sie entbehren nicht einer angenehmen
Lebensweisheit. Sie sind gut beobachtet und es ist nicht schwer sich in ihnen in der einen oder anderen Form wiederzufinden. Und man erkennt: Beide sind sie in ihrer Suche nach dem Glück über das Ziel weit hinausgeschossen. Sie haben sich in Widergänger
ihrer Paradigmen verwandelt, sie glauben an nichts, außer ihren Traum und der hat sie längst im Stich gelassen, weil sie ihn
übererfüllt haben. Etwas, das nicht selten ist in unserer nach Perfektion strebenden immer unzufriedenen Welt. Und jenseits dem, was die beiden miteinander ausfechten scheint dieser Film zu rufen: der Körper ist Wahrheit, ignoriert ihn
nicht, verleugnet ihn nicht, lasst ihn euch nicht schlecht machen von Religion, Moral oder (anderem) Wahn. Der Körper, das
bist Du, nicht nur diese Seele in ihrem irdischen Gefängnis, sondern das Ganze. Vergesst das nicht, wenn Ihr Euch selbst betrachtet. Roeg wählt hier offenbar absichtlich Schauspieler, die weder der Hollywood Standard-Ästhetik entsprechen, noch sich in den
magischen Jahren zwischen Jugend und Erwachsensein befinden, in der es gerade noch akzeptiert ist, in einem Film unbekleidet
zu erscheinen. Roeg wählt Schauspieler, die Menschen spielen, keine Wunschwelt-Abziehbilder mit Fitness-Center gestählten
Top-Bodys und fehlerlos zurechtoperierten Ideal-Körpern. Und das macht den Film glaubwürdig. Auch Mimi Rogers ist zum Zeitpunkt
der Dreharbeiten fast 40 Jahre alt! Und genau das macht den Film interessant. Hier geht es um Menschen, nicht um Abziehbilder.
Hier geht es nicht um Scheinwelten, sondern um reale Charaktere und reale Probleme. Nicht vergessen sollte man am Ende auch die exzellente darstellerische Leistung von Mimi Rogers und Bryan Brown bieten: charismatisch,
real, down to earth. Ein sehr ruhiger, menschlicher und sehr lohnender Film, der ein gutes Gefühl vermittelt.
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