Betrachtet man mindestens zwei andere kleine Meisterwerke des Affekts von Michelle DeVille, Eine Sommernacht in der Stadt
und Die Vorleserin wird klar: bei DeVille gibt es die in unserem gewohnten von amerikanischem Puritanismus geprägten Trennung
zwischen normalem Leben und erotischen Ereignissen nicht, es gibt keinen Übergang, alles ist ein und dasselbe. Und genau dies
macht seine in gewisser Weise unterkühlte Erotik aus. Hier treffen nicht geschmäcklerisch zwei Abziehbilder aufeinander, die
magisch dasselbe wollen, sondern hier prallen Charaktäre, Lebensentwürfe und Lebenssituationen aufeinander, hier wird gelogen,
betrogen und hintergangen, geliebt und gehasst, geneidet und erschlichen. Die Unmoral selbst hat bereits mindestens einen erotischen Aspekt. Offenbar weigert sich das menschliche Empfinden, Moral
als belohnenswerter zu erachten und präferiert dagegen den Kitzel des Moralverstoßes. Michelle Deville spielt hier - man möcht
argwöhnen: wie gewohnt - virtuos mit den Affekten, die sich knüpfen an Unmoral, Zynismus, Freizügigkeit und Verlockung. DeVille
zieht den Zuseher durch Wechselbäder aus Neid, Mitleid, Verwunderung und Belustigung gegenüber seiner Hauptfigur und führt
die schönsten Schauspielerinnen seiner Zeit als verlockende wilde Weiber vor, irgendwo zwischen dominant, Nähe suchend und
doof, doch alle mit ihrem speziellen, gar unverwechselbaren Reiz. Diese bedingungslos bewundernde, den Mann als dem Weibe
unterlegenenen, beinahe dienenden Sichtweise macht dann trotz aller Unmoral und allem Zynismus der Story den Charme des Filmes
aus: nur eine weitere, aber eine weitere sehr gelungene Hommage an das Weibliche. Und am Ende bricht sich dann die alte Weisheit Bahn, dass Eros und Tot zusammen gehören, leben erschaffendes und Leben beendendes
ohne einander kaum denkbar, in jedem Falle jedoch seelisch so eng verknüpft sind, dass der eine den anderen beflügelt und
der andere Ursache für so viele Beunruhigung ist, dass allzu oft das Leben daran Schaden nimmt. Wie so oft beflügeln gerade
die Gegenteile einander. Das Schicksal selbst scheint von trotziger, wiedersprüchlicher Natur zu sein.
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