Der Titel 'American Psycho' suggeriert zuallererst eine Verwandtschaft zu Hitchcocks Klassiker aus dem Jahr 1960. Und die
Befürchtung einer weiteren Folgeproduktion ohne eigenen Kern kommt nicht von ungefähr, ist doch der alte Klassiker bereits
mehrfach mit Nachfolgern beglückt worden, die sich allesamt gänzlicher Überflüssigkeit erfreuen. Sogar das Titelbild des Films,
abgebildet Christian Bale, verwegen zur Seite blickend, in Händen haltend ein großes mörderisch großes Küchenmesser, vermindert
diese Assoziation nicht sondern verstärkt sie noch. Ist hier die Marketingmacht der Absicht zu unterstellen? Der Film selbst bewegt sich dann jedoch aufs angenehmste aus der geschürten Erwartungshaltung heraus, in eine ganz unerwartete
Richtung. Karikiert wird ein Mensch, der gänzlich den Boden der Realität unter den Füßen verloren hat. Sein ganzes Anliegen
besteht offenbar darin, die Richtigen Lotionen und Cremes für seine zum Kult überzeichnete Morgentoilette zu verwenden. Die
zentrale Herausforderung seines beruflichen Alltags besteht darin, innerlich zu verkraften, daß einer seiner Kollegen eine
Visitenkarte vorzeigen könnte, die auf einem Qualitativ höherwertigen Papier gedruckt ist, als seine eigene. Wie paßt nun das Messer auf dem Filmplakat in dieses Szenario? Ganz einfach: sein inneres stirbt und begehrt in einem letzten
Aufschrei auf, um auf sich Aufmerksam zu machen. Er neigt zu plötzlichen Haßtiraden, zu Gewaltausbrüchen, in denen er, wie
der Film genußvoll in grotesken und zugleich humorvollen drastischen Bildern zeigt, andere Menschen ohne jeden Grund aufs
grausamste abschlachtet.und hier sind wir nun doch wieder beim klassischen Namensvetter: Hier sind wir wieder bei Hitchcocks
Psycho. Seinerzeit war Antony Perkins, auch, wie Christian Bale ein hagerer asketisch wirkender Typ. Norman Bates, Ein aus
seiner Jugend herrührend psychisch zerrütteter und hinter seinem unscheinbaren und ungeschlachten Äußeren höchst gefährlicher,
verwirrter und zu Gewalttaten neigender Psychopath. Ebenfalls die Mördermaschine hinter dem unauffälligen, gar smarten Äußeren.
Differenz zwischen Oberfläche und Innenleben. Norman, der mit einem ebensolchen Messer, wie auf dem Plakat von American Psycho
den berühmten Duschenmord begeht, in dem, obschon Schwarz-Weiß gedreht, das Blut, das in dünnen Fäden in den Abfluß gespült
wird, roter erscheint, als in vielen Farbfilmen. Zum Ende des Films übernimmt das schizophrene Trugbild, das Norman in sich
trägt, die kranke Phantasie, er sei seine Mutter, von seinem verstand komplett Besitz ergriffen und er tritt gänzlich aus
der Realität heraus in seine eigene kleine Scheinwelt in der er die Morde schlicht begehen mußte, sie ganz logisch erscheinen. In ähnlicher Weise ausgehöhlt ist unser Held in American Psycho. Doch erzählt wird die Geschichte dann doch mit einer leicht
anderen Attitüde: Der deutsche Titel 'American Psycho' ignoriert den im englischen Original vorhandenen Artikel 'An' und verfälscht
damit den Inhalt des Titels nicht unerheblich. 'An American Psycho' bedeutet, 'ein amerikanischer Psychopath', gemeint ist:
einer unter mehreren, wenn nicht gar unter vielen. Das heißt, im Gegensatz zu Hitchcock, der ganz absichtlich eine außergewöhnliche
Lebensgeschichte und Figur in einem besonderen Abschnitt ihres Lebens portraitiert und seine Zuschauer mit den Abgründen des
menschlichen Wesens konfrontiert und schockiert, zeigt 'An American Psycho' einen unter vielen in einem grotesken Alltag,
einen Prototypen einer ganzen Gruppe, einer Gesellschaft, die das Maß der Realität verloren hat. Einer Gesellschaft, die nach
Außen hin perfekt und geleckt daherkommt, nach innen aber völlig verarmt und roh geworden ist, zerrissen zwischen Ängsten
vor Visitenkarten und Haß für jeden, der eine Restaurantreservierung ergattern kann, Haß der bis hin zum blutigen Mord keine
Grenze kennt. In einer Hinsicht unterscheidet sich der Film dann aber erheblich vom Hitchcocks Vorbild: Norman Bates ist eine gequälte Persönlichkeit,
der seine Vergangenheit nicht bewältigen kann, eine Vergangenheit, für die er, er war noch ein Kind, nicht die Verantwortung
trägt. Er hat sich dieses Leben nicht ausgesucht, er leidet. Er tötet, in grausiger Konsequenz zuletzt, um sich selbst vor
dem Zugriff der Ordnungsmacht zu schützen. Um die Vergangenheit des amerikanischen Psychopathen macht der Film kein Aufhebens. Es bleibt zu erwarten, dass er in ebensolchen
Verhältnissen in denen Geld und Ansehen schlicht präsent waren aufgewachsen ist und niemals auch nur einen Gedanken an Leid
oder Armut verschwenden mußte, selbstredend auch nicht an das Leid, das anderen möglicherweise widerfährt, während er sein
Dasein zwischen Cremes und Visitenkarten perfektioniert. Er ist wenn überhaupt mutmaßlich ein Opfer der selbstverschuldeten
Kulturlosigkeit seiner Kaste, nicht so sehr ihrer armseligen Abgründe. Er ist kein direktes Opfer seiner Geschichte oder seiner
Umgebung. Er ist im höchsten Maße Erfolgreich, verfügt über ein großes Büro mit Blick über die Wolkenkratzer New Yorks, hat
eine eigene Sekretärin, und offenbar kaum jemanden, der seine Arbeit kontrolliert. Vielleicht ist er sogar der Sohn des Firmenchefs.
All das nimmt der Film nicht wahr, so wie er es selbst auch nicht wahrnimmt. Er bewegt sich unter Kollegen, die ganz ähnlich
ausgestattet und vermutlich ganz ähnlich wie er gestrickt sind. Er ist in der Tat ganz selbst Schmied seiner Psychose. Durch
Unachtsamkeit, durch leichte und unkritische Verführbarkeit, durch Oberflächlichkeit und Hochmut, zuletzt durch eine intellektuelle
Leere, die er zu füllen versucht durch Äußerlichkeiten. Doch die innere Leere bleibt, denn das Innere läßt sich nicht durch
Äußerliches befriedigen. Und zuletzt bleibt ihm nur der Ausweg in den hackenden, stückelnden, zerfetzenden Mörder um sich
selbst zu ertragen. Allein das etwas versöhnende und nicht ganz unabsehbare Ende - man ist seit The Sixth Sense ja stets auf der Hut - schützt
uns davor am Ende voll Abscheu auf diesen Menschen zu blicken. Obwohl oder gerade weil er doch nur das repräsentiert, was
unsere Gesellschaft im Inneren erkranken läßt: Oberflächlichkeit und der Mangel an Sensibilität und Charakterlicher Tiefe.
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