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Anmerkungen
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Sieben ist überbewertet. Harte psychologische Thriller haben mit Das Schweigen der Lämmer und Angel Heart den unappetitlichen
Serienmord zur genüge - im wahrsten Wortsinn - ausgeschlachtet. Auch wenn Kevin Spacy als John Doe umwerfend und Pitt wie
immer ganz entgegen seinem Beau-Image hervorragend spielt, bleibt Sieben eine Neuauflage eines vergleichsweise konventionellen
Serienkiller-Films. Nicht mehr. Nicht so Fight Club. Fight Club ist einzigartig, herausragend, genial, pervers, krank, unerreicht.
Vielleicht das Meisterwerk des modernen Films, das der Postmoderne sowieso. Fight Club ist pervers und wahnsinnig. Und in seinem grotesken Humor ähnelt Fight Club am Ende dem genialischen Pulp Fiction - auch Fight Club ist pulp, keine Frage.
Ebenso wie dort tritt der Humor hervor, wenn die Absurdität der Situation klar wird, sobald der Zuschauer über die dargestellte
rohe Gewalt im Stande ist hinwegzusehen. Der Humor tritt hervor in Szenen, die aufs Abwegigste so verlaufen, dass jedes Klischee
des klassischen Hollywood-Kinos ignoriert und persifliert und dabei ad Absudum geführt wird. Wenn die erzählende namenlose Hauptfigur in Fight Club beim Versuch sich selbst zu erschießen, sich eine Waffe in den Mund
steckt und abdrückt weiß der erfahrene Kinogänger, was zu erwarten ist. Doch stattdessen passiert das undenkbare: er überlebt,
weil er danebenschießt und sich nur ein großes Loch in die eigene Wange schießt, nur um anschließend unter röchelndem Blutschlucken
seinen Mitstreitern zu erklären es sei alles in Ordnung, man solle sich um ihn keine Sorgen machen. Die Absurdität dieser Szenen, der verwegene Humor, der ihnen innewohnt ist zugleich ihre außerordentliche Stärke. Sie fließt
aus der ungewöhnlichen Situation ebenso wie der trockenen Beobachtung derselben und der in ihrer Drastik völlig unerwarteten
Pointe. Ganz so wie in Pulp Fiction. Man erinnere sich an die unerhörte Szene in der sich aus Vincent Vegas Pistole unerwartet ein
Schuß löst und er nur erschrocken erklärt: "Ich hab ihm mitten ins Gesicht geschossen. Du mußt über einen Huppel gefahren
sein." Der ganze Fonds des Autos ist ein einziger Blutkleks. Ebenso die Szene in Pulp Fiction in der ein junger Kerl aus allernächster
Nähe hysterisch ein ganzes Magazin aus seiner Waffe auf die beiden Killer abfeuert, beide danach an sich herabblickend feststellen,
daß kein einziger Schuß sie getroffen hat. Stattdessen sieht man an der Wand hinter ihnen die vielen Einschußlöcher der Kugeln,
die allesamt ihr Ziel verfehlten. Diese Persiflierung der gängigen Handlungsklischees erheben die Handlung dieser Filme weit über jene Klischees, machen sie
zu Kommentaren, zu sarkastischen Oppositionellen jener oft genug völlig hirnloset Standards, die jeder Zuschauer von gewöhnlichen
Filmen in gewisser Weise zurecht erwartet, was aber deren Handlung oft genug derart vorhersagbar und langweilig macht. Diese
etwas anderen Filme sind die Preziosen zwischen alle den Fließbandprodukten. Sie ignorieren die Klichees nicht allein ignorieren,
sie persiflieren sie, überzeichnen sie ins Groteske und machen sie damit komplett lächerlich. Auch Fight Club tut dies mit Hingabe und Bravour. Und nicht nur das. Filme haben einen Rhythmus. Und wie Musik können sie
vollmundig und kraftvoll, mit ihrem eigenen Rhythmus ins schwingen geraten, oder aber schwächlich, weil sie ihre Eigenfrequenz
verfehlen dahin siechen. Fight Club schwelgt geradezu in seiner Kraft. Fight Club ist dabei übrigens ebensowenig ein Film über Boxclubs (wer würde so etwas im Ernst sehen wollen?), wie The Big
Lebowski ein Film über Bowling ist. Fight Club hat nichts, aber auch gar nichts gemein mit Rocky I bis XXVII. Fight Club spielt
auf vielen Handlungsebenen und in vielen Handlungssträngen, tanzt auf vielen Hochzeiten und das ohne sich je zu verheddern
oder zu übernehmen. Alle Andeutungen und Ideen, alle pathologischen Nebenaktionen existieren sehr ausgewogen nebeneinander
- obwohl freilich 'ausgewogen' das letzte Attribut ist, das Fight Club sein will. Direkt unterhalb der ersten Oberfläche ist
Fight Club ein Film über das Entstehen von Terrorzellen, von Fanatismus, von Faschismus. Noch weiter darunter handelt er von
einem schwer kranken Menschen, offenbar ein Charismatiker, aber gefährlich. Und darunter von dem, was eine Gesellschaft hervorbringen
kann, wenn sie kalt geworden ist und desinteressiert. Der Trick den David Fincher nach dem Vorbild des ebenso perversen Buches von Chuck Palahniuk dabei kultiviert: Der Kranke
ist identisch mit der Hauptperson. So zwingt David Fincher den Zuseher geradezu, sich mit dessen Weltsicht zu infizieren.
Und der Zuseher geht unweigerlich ins Netz. Nicht die Hauptfigur erscheint ihm krank, sondern seine Welt. Alles scheint aus
der Spur, alles um ihn herum, sein Verhalten bleibt, wenn schon nicht vorbildlich, so doch verständlich - obwohl die Wahrheit
doch so offensichtlich darliegt. Doch wie selbstverständlich macht sich der Zuseher zum Komplizen, geht der Geschichte auf
den Leim und wird zum Weggefährten der namenlosen Hauptfigur, wie so viele Andere Schwache, Entwurzelte, Orientierungslose,
vom Leben Enttäuschte tritt man virtuell ein, in den Fight Club. Und trifft dort Tyler Durden. First rule of fight club is: You don't talk about fight club. The second rule of fight club is: you don't talk about fight
club. Manipulation des Zusehers in einer neuen Dimension. Planet Tyler. Ist die Zeitkoordinate nur lange genug, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit für alle auf null.
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