Paul Verhoeven hat mit vielen Filmen Furore gemacht, weil er feststehende Hollywood-Tabus gebrochen hat. Begonnen hat das
nicht mit Basic Instinct, jedoch richtig publicity-trächtig und breitenwirksam wurde Verhoevens offenherzige Inszenierungsweise
mit diesem Thriller. Bereits mit den recht gewalttätigen Total Recall und Robocop hatte sich Verhoeven nicht nur Freunde gemacht
und mit der Busen-und-Lapdance Show Showgirls war der Bogen dann auch überspannt. Verhoeven hat immer gewusst, wie man die
Medien für den neuen Film durch Skandale und Skandälchen aktiviert, aber das ist nicht sein einziges Talent. Oft also abgetan als die erotische Sensation der frühen Neunziger verbirgt sich hinter diesen vordergründigen Attraktionen
vor allem ein erstklassiger Thriller im Stil des Neo Film Noir und darin eine Hommage an Hitchcocks Vertigo. Doch Verhoevens
Plakatismus zeigt uns zunächst nur die nackte Sharon Stone in teilweise recht exhibitionistischen Szenen woran die Wahrnehmung
zunächst haften bleibt und übertüncht dadurch die weiteren Qualitäten des Thrillers. Und auch später, als Handlung und Obsession des Polizisten sich gleichermaßen weiter entspinnt, führt Verhoeven die Aufmerksamkeit
des Zusehers, ebenso wie die des Polizisten, immer wieder auf die falsche Fährte, weg von dem Verbrechen, hin zu Stone und
ihrer ausufernden Erotik. Der Gipfel dieses Spiels wird erreicht, wenn Verhoeven eine Reihe sabbernder Polizeibeamter vorführt,
die alle Verhörstrategien samt aller Fragen vergessen, weil Stone ein einziges Mal ihre übereinander geschlagenen Beine öffnet
und für einen winzigen Augenblick für jedermann sichtbar wird, was sie vom Tragen von Unterwäsche hält. Es macht Verhoeven
sichtlich diebische Freude, vorzuführen zu welch gaffenden Blödianen diese Herren Polizeibeamten in sekundenschnelle mutieren,
angesichts der Andeutung, der bloßen Inaussichtstellung der nackten Geschlechtsorgane dieser Frau. Er zeigt, wie hilflos und
einspurig diese mächtigen Herren plötzlich werden, angesichts der Macht der Frau vor allem angesichts ihrer geschickt eingesetzten
Erotik. Und dann die Moralwächter: Hat man da etwa für den Bruchteil eines Momentes gesehen...? Aufschrei! Wie kann sie nur, wie kann
Verhoeven nur, warum spielt Michael Douglas hier mit? Porno-Alarm? Es gibt Demonstrationen von religiösen Gruppen vor Kinos,
die die Vorführung verhindern wollen - und Verhoeven hat was er will. Skandal = Kassenschlager. So simpel wie wirkungsvoll.
Und man muss ehrlich zugestehen: wären so viele Menschen in diesen Thriller gerannt, wenn nicht die offenherzige Sharon Stone
sehr viel versprochen und das fast alles auch gehalten hätte? Sex sells. Warum auch nicht. Doch wollten wir nicht eigentlich
über Hitchcock und Vertigo sprechen? Auch dort ist ein mit allerlei Neurosen und Seelenschmerz beladener von einer eiskalten
Blondine besessen, auch dort werden Männerphantasien der elementarsten Sorte verhandelt, auch dort wird der Besessene, wie
auch anders, am Ende um den Finger gewickelt. Verhoeven nimmt diese Themen auf und gibt sie Zeitgemäß wieder, was bedeutet,
weniger metaphorisch, weniger verklausuliert, direkter, unverblümter, tabuloser, provokanter. Verhoeven lebt von der Provokation. Doch die hat einen grundlegenden, einen strategischen Nachteil: sie muss sich beständig
dramaturgisch selbst übertreffen, sonst wirkt sie nicht. Und damit nutzt sie sich dramatisch schnell ab. Doch hier hat es
noch geklappt, das Publikum mit Provokantem auf ein kleines Meisterwerk aufmerksam zu machen.
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