Die Mutter aller modernen Comicfilme hat eine ganze Schleppe von Nachahmern dabei, die das Original an Action, Witz und Charme
aber nicht erreichen. Weder Hulk noch der Punisher, nicht die Fantastischen 4 oder die X-Men, weder Tim Burtons Retorten-Plastik-Batman
noch Christopher Nolans zu vollgestopfter Realo-Batman bieten eine derart fein und sympathisch gezeichnete dabei herrlich
tragikkomische Hauptfigur noch eine derart zum Mitleiden und -weinen einladende Love-Story im Gepäck, gar nicht zu reden von
den wundervollen Achterbahnfahrten durch die Hochhausschluchten von New York. Dem Regisseur Sam Raimi gelingt die Melange, die vor ihm den Batman Verfilmungen von Tim Burton ebensowenig gelingt, wie den
Ur-Superman Filmen mit Christopher Reeve. Raimi setzt die Comichandlung mit der für die 60er Jahre typischen Ehrfurcht und
Sorge vor der Allmacht der damals modernen wissenschaftlichen Errungenschaften, besonders der Genetik und der Atomtechnik,
nahtlos in ein Sujet, das eher wie die 90er aussieht. Obwohl vieles aus den 60ern zu stammen scheint, ist es doch die Gegenwart
in die er die Handlung verpflanzt. Und es gelingt. Entgegen ähnlicher Versuche - man erinnere sich an die grauenvollen Bond-Filme
mit einem weiblichen M - entsteht kein Widerspruch, stößt einem die Versetzung nicht sauer auf. Nun ja, dem Film gelingt ohnehin
fast alles. Nichts - keiner der großen Topoi der großen neuzeitlichen Mythen und Epen fehlt. Nicht der durchgeknallte Selbstversuch des
größenwahnsinnigen Wissenschaftlers, nicht die amok-laufende Technologie, die einzelnen so viel Macht gibt, dass sie die Weltherrschaft
damit erringen können wollten, nicht das zynische, zweckorientierte und moralfreie Militär, nicht der große nicht-endende
Kampf Gut gegen Böse, nicht die Versuchung in die der Gute geführt wird, nicht die schmachtende unerfüllte Liebe, nicht die
Vaterfigur, die vom jungen Helden im Irrtum getötet wird - eine große lustvolle Verquickung beinahe aller wohlbekannten Klischees
und Formen. Man meint Sam Raimi hätte die Ilias, die Griechischen Sagen und alle Weltliteratur extrahiert und in einem großen brodelnden
grünen Kolben so lange erhitzt, bis dieser liebenswerte überdrehte Comic dabei herauskam. Dabei ist alles ganz anders: der
Film basiert auf den Spiderman Comic, dessen Autor, hier eigentlich die Lorbeeren verdient hat. Daß Raimi noch zu einen solchen Blockbuster-Kino kompatibel werden würde, hätte man in seiner Frühzeit nicht gedacht. Auch
wenn nach der Tanz der Teufel-Trilogie, die zunehmend breiter und high-budgetiger wurden und nach Darkman die anfangs haarstreubenden
Machwerke immer ansehnlicher und humorvoller wurden, hätte man trotzdem kaum vermutet, dass er einen solchen Volltreffer je
landen würde. Doch die Wege zum Top-Regisseur sind offenbar verschieden. Der eine schleicht sich in ein Studio ein und behauptet offizieller
und angestellter Mitarbeiter zu sein (Spielberg) der andere muss eben ganz unten anfangen und sich durch außergewöhnliche
und aufsehenerregend eigenwillige Produktionen erst einen Namen machen. Dabei war die Chance wohl nicht klein, dass Raimi
dort bleiben würde, wo auch John Carpenter Zeit seinen Lebens (mal mit Ausnahme von Big Trouble in Little China) verweilt:
im randständigen Sumpf von Filmen aus Leichen, Modder und Zombies. Doch Raimi hat den Sprung geschafft, den Carpenter wohl
gar nicht mehr anstrebt, vielleicht nie angestrebt hat, hat er doch seine heftigen Untergangs-Zombie-Reißer (The Fog, die
Klapperschlange, The Thing) geatmet und gelebt als Produzent, Regisseur, Musik-Komponist und Drehbuchautor in einer Person.
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