Eine kleine Welle von Filmen mit Behinderten als Hauptfiguren hat Rainman losgetreten. Natürlich haben solche Filme immer
etwas liberales an sich, etwas vorbildhaftes, stellen Sie doch eine Gruppe von Menschen in den Mittelpunkt, die allzu gerne
über den Rand der Gesellschaft hinausgeschoben werden, die man am liebsten komplett ignorieren möchte. Hier einen Autisten,
genauer einen Savant (so nennt man Autisten mit besonderen geistigen Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was 'normalen'
Menschen möglich ist) als Hauptperson zu wählen hat natürlich einen enormen Vorteil: Savants sind, auch wenn sie sich mitunter
merkwürdig verhalten oft bewunderswerte Geisteskünstler, was es uns 'normalen' nicht-behinderten Zusehern ermöglicht, sie
zu bewundern, zwar wie eine Zirkusattraktion, aber immerhin zu bewundern. Dustin Hoffman spielt diesen Autisten Raymond, der wenig redet, aber ein Telefonbuch an einem Vormittag auswendig lernen kann
(wenn er auch nur bis G kommt, bevor er gestört wird) und im Grunde vom Leben nichts weiß, weil er abgeschottet in einem Heim
lebt. Sein Bruder Charlie (Tom Cruise) weiß dafür nichts von seiner Existenz, auch wenn er frühkindliche Erinnerungen an ihn
hat, die er aber als Phantasien abtut. Wo der eine in einem Heim lebt, ist der andere ein aktiver Geschäftsmann, ein Yuppie,
einer, der an Leistung und Erfolg wie an eine Religion glaubt und der alle für Schwächlinge hält, die weniger aktiv (aggressiv)
sind als er. Diese beiden Brüder treffen aufeinander und könnten unterschiedlicher nicht sein. Zuerst ist es natürlich die
Unterlegenheit des Autisten, die die Szene beherrscht, doch bald weckt Raymond in Charlie den Beschützer und den Bruder. Hier
ist freilich nicht ganz klar, wer am Ende wen belehrt. Wem bis dato Dustin Hoffmann noch nicht als Mime erster Güte bekannt gewesen sein sollte, der kann sich in diesem anrührenden
Drama davon überzeugen. Keine Sekunde sieht man den Schauspieler, sondern immer die Figur, die er verkörpert. Auch wenn seit
Rainman Behinderte in Hollywood eine schmale Genre-Niesche besetzen dürfen, wurde doch die Mischung aus 80er-Glamour, 90-Ernst
und Anrührendem selten wieder erreicht. Ein Film, den man immer wieder sehen kann, weil er von Michael Ballhaus brillant fotografiert
und mit vielen Details inszeniert ist und Hans Zimmer einen congenialen Soundtrack dazu beigesteuert hat, der diesem Film
eine einmalige Atmosphäre zwischen Roadmovie und Familiendrama gibt. Ebenfalls interessant zu erfahren ist, dass es für Raymond ein reales Vorbild gibt, dessen Fähigkeiten für den Film erstaunlicherweise
noch abgeschwächt wurden. Der Savant Kim Peek, der für Raymond Pate stand, ist in der Lage anhand jedes Geburtstages in wenigen
Sekunden zu berechnen, welcher Wochentag dieser Tag war und er kann für alle diese Tage in den letzten Jahrhunderten genau
angeben, was an diesem Tag Besonderes passiert ist. Der Mann ist ein wanderndes Lexikon. Er hat offenbar alles im Gedächtnis
behalten, was er je in einem Lexikon gelesen hat. Und ein weiteres Happy End: Kim hat seit den Dreharbeiten offenbar beschlossen,
Kontakt zu Menschen aufzunehmen. Sein Vater berichtet, es gehe ihm zunehmend besser und er geht in Schulen und antwortet dort
auf die Fragen der Kinder, teils damit sie einen Behinderten wie ihn kennenlernen können, teils um seine bemerkenswerten Fähigkeiten
zu zeigen.
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