Steven Spielberg hat mit Zurück in die Zukunft die Idee der Zeitreise durchaus nicht als erster und auch nicht am besten umgesetzt.
Anrührender als Zurück in die Zukunft - gut, keine Kunst. Erwachsener als Zurück in die Zukunft - ebenso machbar. Aber - oh
mein Gott! - ein Jahr nach Zurück in die Zukunft erst ins Kino! Was ist das Original? Am Ende Unterschleif? Das wäre in Hollywood,
das sich eher in Modewellen durch die Zeit bewegt, als in Innovationsschüben unter der Hand gesagt irgendwie keine Ausnahme.
Jedoch: Keiner weiß, wann Francis Ford Coppola dieses Projekt begonnen hat, aber in seinem Fall kann es gut und gerne 10 bis
20 Jahre vor Drehbeginn gewesen sein, damit also klar vor Zurück in die Zukunft! Ha! Trotzdem stellt sich die zwängende Frage:
Hat Peggy Sue hat geheiratet überhaupt eine Daseinsberechtigung gegen das übermächtige Spielberg-Universum und seine mehrteiligen
Handlungs-Wiederholungs-Epen? Nun, die Anwesenheit in dieser kleinen Auflistung von Erzeugnissen beantwortet diese Frage wohl aufs erschöpfendste - und
die Abwesenheit von Zurück in die Zukunft optional umso mehr. Freilich ist Zurück in die Zukunft ein mit guten Gags gespickter Flick, Unterhaltung ohne Reue, Spaß am Fließband, ein hervorragender
Christopher Lloyd als Doc Brown und Michael Fox in seiner überzeugendsten Rolle, neben vielleicht Das Geheimnis meines Erfolges
wo er aber auch nur mit Yello's exzellent exaltiertem Soundtrack konkurriert - doch das nur nebenbei. Hat Zurück in die Zukunft
aber mehr zu bieten als oberflächlichen Spaß? Rührt er an die Seele, erweitert er das Denken um nicht zu sagen das Bewusstsein,
macht er die Tragik der Vergänglichkeit, verpasste Chancen, ungelebte Leben, die Einsamkeit des Daseins zum Thema. Klarer war selten ein Nein auf derart schwammige Fragen. Natürlich nicht. Er soll ja unterhalten, nicht sein Publikum überfordern
oder zu Tode ängstigen vor der Unwägbarkeit der Welt und der Hilflosigkeit und Einsamkeit des Menschen in ihr. Peggy Sue hat geheiratet wagt diese Themen. Und damit ist wieder einmal die Linie im Sand gezogen zwischen schnödem Entertainment
und Erkenntnis spendender Literatur. Trotz des seltsamen Titels, der einerseits natürlich auf den Song Peggy Sue aus den 50ern
referenziert, die Zeit in der der Film in einem Nahtoderlebnis mehrheitlich spielt, sondern darüber hinaus auch der merkwürdigen
Verrücktheit der Nachkriegszeit nachspürt, Töchter nach Lieder zu benennen, die erst 10 Jahre später geschrieben werden sollten.
Also trotz dieses Titels ist Peggy Sue nicht nur eine gelungene Frau geworden sondern auch ein tiefgehender Film. Einen nicht
ganz unbedeutenden Anteil an der Stärke dieses Films hat übrigens auch Nicolas Cage in einer seiner ersten größeren Rollen.
Teil der Coppola-Familia zu sein, hat hier vielleicht einiges geholfen, jedoch ohne Not, ist Cage doch von Anfang an ein Hurricane
von einem Darsteller. Ein Gerücht wäre es, zu behaupten an der Klasse des Films hätte der Cameo-Auftritt von Jim Carrey seinen
Anteil, nicht zuletzt deswegen, weil es gar kein Cameo ist, da Carrey damals, lange vor Ace Ventura noch kein Schwein kannte.
Aber zuallererst ist natürlich Kathleen Turner als Peggy einfach überragend. Auch ohne Michael Douglas, oder sogar gerade
ohne ihn wirkt sie auf der Leinwand in ihrer ganzen Klasse und Größe. Glaubhaft und ernstzunehmend transportiert sie, wie
hauchdünn der Spalt zwischen Erwachsensein und Kindheit ist, wie dominant die Erwartung des Umfeldes für das Verhalten ist
und wie leicht man zurückfällt in alte Muster, allein wegen der alten Umgebung. Ein schöner Kontrast ist, dass sie um kein Jahr jünger aussieht, als in der Rahmenhandlung 30 Jahre später. Diesen Make-Up
Kopfstand hat man sich geschenkt und erlangt dadurch eine merkwürdige und gewollte Inkonsistenz, die die Traumhaftigkeit der
Situation in jeder Sekunde greifbar und bildhaft macht. Denn hier liegt der Hund begraben. Peggy Sue ist gar keine Konkurrenz zu zurück in die Zukunft. Freilich spielt der Großteil
des Films ebenfalls in den rock'n'rollenden 50ern und macht allein deswegen schon Laune, freilich drängt sich der Vergleich
auf, allein wegen der Begegnungen alter Freunde, Eltern, Großeltern - längst verschieden. In Zurück in die Zukunft taucht
übrigens überhaupt niemand auf, der 30 Jahre später tot sein könnte... Und Peggy reist auch nicht mit einem durchgeknallten
Professor in einer Zeitmaschine unter Getöse und Qualm und Feuerspuren und 1.1 Gigawatt zurück in die Vergangenheit. Nein,
es ist nicht gesagt, ob sie wirklich da war und das ist auch gar nicht von Belang. Denn Peggy erkennt etwas in ihrer wahlweise wahren oder auch nur erlebten Zeitreise. Sie erkennt, dass ihr Leben, ihre Entscheidungen,
ihr Weg, den sie gegangen ist, richtig war wenn auch in Details verbesserungswürdig. Die Alternativen durchlebt sie, wie in
einem sehr intensiven und realen Nachdenken, in einem Erkenntnis stiftenden Traum. Und sie erkennt, sie will genau da sein,
wo sie ist, allen Alltagssorgen zum Trotz. Sie findet, dass Bindungen und ein metaphysisches Band zu ihren Lieben wichtiger
ist, als alle Offerten, die ihr das Leben noch gemacht hätte - und dass diese Offerten, so verlockend sie ausgesehen haben
mochten, bei Licht besehen auch nur mit Wasser gekocht waren. Sie erkennt etwas über sich selbst und das Leben in dieser Reise,
in diesem Abstecher ins Jenseits, oder wohin auch immer. Und der Zuseher kann diese Erfahrung mit ihr teilen, mit ihr erleben
und erkennen. Absolution erlangt sie und das ist kein geringes Wort in einer Welt, die über weite Strecken dem Spirituellen
abgewandt ist. Möchte noch jemand die Parallele zu Zurück in die Zukunft ziehen?
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