Mit dem Herrn der Ringe wurden computergenerierte Massenszenen en Vogue. Tausende Orks jagten über die Ebenen des Pelenor
und auf die Mauern der Hornburg. Keiner davon war mehr als ein Bot in einer Computersimulation, die die Bewegungen von großzahligen
Massen lebensecht simuliert. Troja ist aus dieser Sicht wenig mehr als ein Spin-Off des Neuseeländischen Tolkien-Epos. Und
nur deswegen wäre Troja auch nicht sehenswert. Troja hat mehr zu bieten! Troja ist die Story eines archaischen Superhelden:
Achilles. Der besticht durch ein bis an die Grenzen des Erträglichen arrogantes und teuflisch charismatisches Auftreten, überzeugend
gespielt - von wem sonst - von Brad Pitt. Homer hat mit der Ilias vor etwa 3000 Jahren das erste literarische Großwerk der früh-europäischen Welt geboren. Und es entbehrt
nicht aller Zutaten, die Wolfgang Petersen 3000 Jahre später für einen wirklich zeitgemäßen, hervorragend unterhaltenden,
an den richtigen Stellen ergreifenden und vor allem immer wieder sehr überraschenden Film benötigt: Archaische Denkwelten
und exotische Konventionen, brutale Urweltler, machtgeile rücksichtslose Politiker und, das Salz in dieser bekannten Suppe:
ein paar modernen Selbstdenker, die eigentlichen Helden des Dramas: der naive Romantiker Paris, der sich über jede Vernunft
hinwegsetzt, der treue und moralische Hektor, der mit seinem Brüderchen Paris arg geschlagen ist, der würdevolle Priamos,
der sein Lebenswerk, seinen blühenden Stadtstaat Troja und seine Vision vom friedlichen Zusammenleben mit den Nachbarstaaten
zerfallen sehen muss. Aber allen voran, die beiden mehr als alle anderen modernen Menschen der Story: Odysseus, der clevere,
der Denker, der, dessen Finte mit dem Holzpferd Poseidon so missfällt, dass seine Heimreise von Troja zurück nach Itaca ein
eigenes Großwerk, das zweite von Homer, die 'Odyssee' bevölkert. Aber allen voran natürlich, der Superstar, der einzige dessen
Ego kaum durch die Tür passt, der der unter seinem Talent bereits im Stile des modernen Anti-Helden leidet, der der eigentlich
nur den Gegner sucht, der ihn endlich besiegt und tötet, der, der zerbrochen täglich mit dem Untergang flirtet, der der bereits
vor langer Zeit innerlich gebrochene Unbezwingbare: Achilles. Das und vielleicht ein wenig durchaus Hollywood-unübliche Dramatik
in der die Guten und die Bösen nicht so Sandkasten-brav getrennt sind. Sogar die Handlung Homers, die zuweilen etwas an den Haaren herbeigezogen wirkt, wird von Petersen angenehm konsistent auf
den Boden der Tatsachen überführt. Klargestellt wird, dass der Raub der schönen Helena, natürlich kein Raub war und natürlich
auch nicht ernsthaft Ursache für eine nicht enden wollende Belagerung, einen für damalige Verhältnisse 'Weltkrieg'. Klargestellt
wird, dass also nicht die guten Griechen die bösen Trojaner bekämpfen, sondern eigentlich die um Vormachtsstellung ringenden
Archäer aus Griechenland das wohlhabende und friedfertige hethitische Troja aus macht- und Geldgründen überfallen und zerstören
- all das sicher nicht für eine Frau! Aber wirklich erst möglich gemacht hat diesen Film wohl Heinrich Schliehmann. Hätte der Romantiker aus dem 19. Jahrhundert
nicht geglaubt, nein, glauben wollen, dass die alten Geschichten von Homer mehr sind als bloße Erfindung, mehr als ein einfacher
Roman, dann hätte man vielleicht niemals verifizieren können, dass Mykenae und Troja existierten und sich einen Krieg geliefert
haben, der nach neuesten Fundstücken mit zumindest exakt den Waffen und Rüstungen ausgetragen wurde, so wie Homer sie präzise
beschreibt. In dieser Hinsicht kann man vieles, was gezeigt wird wirklich ernst nehmen, ein Lehrstück in Historie, nicht nur
eine Verfilmung eines etwas angestaubten Drehbuchs aus dem ur-alten Griechenland. Sehenswert sind übrigens beide Versionen, die ursprüngliche Kino-Fassung und der spät und angeblich kostspielig nachgeschobene
Director's Cut. Der DC macht durch einige in der Kinofassung entfernte Szenen in der Tat manche Zusammenhänge und Motivationen
logischer, ist vor allem bei weitem blutspritzender und wirkt nicht wie mancher DC unrund und unfertiger sondern durchweg
sehr gelungen. Ob die häufigeren Nacktszenen von Brad Pitt einen Mehrwert darstellen, das mag das dies zu beurteilen geeignete
Geschlecht bewerten. In jedem Fall ist der DC mehr 'ab 16' als die ursprüngliche Kinofassung und dies entspricht Handlung
und Zeit vollends, denn eines war man damals in keiner Weise: zimperlich.
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