Dass Ridley Scott mit Alien den Science-Fiction Horror erfunden hat macht die Einordnung dieses ungeheuer düsteren Filmes
auch nicht leichter. Ansich liegt es überhaupt nicht fern, das Sub-Genre des Science-Fiction-Horror zu erfinden. Horrorfilme
mit Monstern sind nicht gerade neu, erfreuten sich über Godzilla, Tarrantula und The Thing doch großer (nicht immer leicht
nachzuvollziehender) Beliebtheit. Da aber nun Zeitgenossen wie Godzilla einer gewissen Erklärungsnot nicht entgehen, was liegt
näher, als das Science Fiction Genre zu nutzen und Zusammenstöße mit Monstren als zukünftig zu inszenieren - plopp Erklärungsnot
verschwunden. Dass dabei natürlich ein derart tief-schwarzes Meisterwerk des Schreckens, wie Alien herauskommen sollte, das hatte weder
Godzilla noch Terrantula Ridley Scott in die Wiege gelegt. Kommt der Riesendino mehr lusig unbeholfen daher und sind seine
Zusammenstöße mit außerirdischen Riesen-Robotern absolut auf Kinderzimmer-Niveau inszeniert, so ist das Alien aus einem völlig
anderen Holz. Alien ist sicherlich eine der düstersten und fürchterlichsten Zukunftsvisionen, die überhaupt des Zusehers Nerven
in der Filmhistorie zerfleischt haben. Die Bilder sind langsam und suggestiv, das Alien über weite Strecken zwar kaum sichtbar,
schwarzes Alien auf schwarzem Hintergrund, doch die Staffage, die vielzitierten Designs des etwas kranken schweizer Künstlers
Giger schälen Alien aus der Optik der 70er heraus und verleihen dem Film Zeitlosigkeit, damit bis heute Glaubwürdigkeit, und
damitst echten Schrecken. Das endet nicht beim Alien selbst, einer Fressmaschine, die monströser nie präsentiert wurde. Das Alien, geboren aus einem
Menschen, Nemesis ohne Moral und ohne Zweifel. Schlimmer als jeder Killer-Roboter, denn mit ebensowenig Zweifel, aber mit
einem überwältigenden Überlebens- und Killertrieb ausgestattet. Angst flöst auf dem Horror-Raumschiff Nostromo quasi alles ein - ein gut gewählter Name dabei, könnte sie je anders heißen,
allein der Name sagt bereits: unpersönlich, monströs, kalt, unwirtlich. Unverständlich plappernde Computerstimmen aus undefinierbaren
Quellen, das fehlen jeder Menschlichkeit der Besatzung untereinander, Kälte beim Erwachen aus dem jahrelangen Kälteschlaf,
übermächtige technische Konstruktismen, der Mensch als bloße Steuereinheit, gefangen in der Technik, die er ursprünglich einmal
selbst erbaut hat. Alien - das ist nicht nur der Begriff für ein außerirdisches Wesen, für etwas, das man noch weniger kennt und einschätzen
kann, als ein irdisches Raubtier, etwas, über das so wenig Information verfügbar ist, dass es nur Angst erzeugen kann. Alien
bedeutet auch fremd, fremdartig und in der Form 'Alienation' Entfremdung. Und ebenso mehrdeutig, wie dieser Titel ist auch
der Eindruck, den der Film vermittelt. Verunsicherung, Entfremdung auf jeder Ebene. Die Enthüllungen über die Ziele und Aufträge der Besatzung, der Krieg, der auch unter den wenigen Menschen im Bauch dieser
Riesenmaschine entbrennt, die Desillusionierung angesichts der zynischen Kalkulationen von Drahtziehern des Massakers. All
das verunsichert, weil es den Glauben an das Gute im Menschen verlieren läßt. Das Alien in der Nostromo stellt sich als gar
kein Unfall heraus, keine Naturkatastrophe, gegen die man machtlos wäre, die vermeidbar gewesen wäre. Ein übersteigertes, ein zuendegedachtes und dadurch sehr pessimistisches Abbild einer (unserer?) zynischen Welt, das macht
dem Zuseher am Ende noch mehr Angst, als das Alien oder dieses kalte Raumschiff: Schlimmer als das Alien ist die bewusste
Inkaufnahme von Verlusten an Menschenleben, schlimmer ist die Ignoranz gegenüber dem Überleben der eigenen Spezies zugunsten
eines höheren Gottes: des Profits. Davon erzählt Alien. Und schaut man sich die Welt im Jahr 1979 an, so sieht man warum: Nuklearer Rüstungswettlauf, der nur
den Herstellern der Waffen utopische Gewinne einbringt und dabei inkauf nimmt, die Menschheit versehentlich zu pulverisieren.
Ein verlorenes Vietnam-Massaker, eine Stellvertreter-Mezzelei an der es wieder nur einen Sieger gab: die Beteiligten Material-Lieferanten
verdienten exzellent. Der Mensch als des Menschen Wolf, nicht aus Not, sondern aus purer zynischer Gewinnmaximierung. Wahnsinn,
portraitiert auch in Apocalypse Now im selben Jahr. No Future. Warum wurde etwas ähnliches also nicht bereits vorher gedreht? Warum hat Ridley Scott dieses Genre erst im Jahre 1979 geschaffen?
Weil es ein Abbild der Zeit war. Schwärze. Filme bilden zuweilen die Zeiten in denen sie entstehen besser ab, als es den Filmemachern bewusst ist. Stimmungen werden
übertragen, Blickwinkel reflektiert, Schlussfolgerungen und Erkenntnisse implizit miterzählt. Damit zeigt Alien uns die Welt in einer der dunkelsten Perioden der neueren Zeit, auch wenn die befürchtete Zerstörung am
Ende ausblieb, die Angst war real. Und am Ende stellt sich nochmals die Frage: wer ist das schlimmere Raubtier, das Alien, oder der Mensch. Immerhin: der Mensch
hat Eye-to-Eye das Alien am Ende besiegt. Ripley hat überlebt, nicht das Alien. Jedoch nur, um 50 Jahre später einem noch
schlimmeren Alptraum gegenüberzutreten. Und dieser ist vom nächsten Meister inszeniert, nicht dem Meister der Stimmung, der
Atmosphäre, sondern vom Meister des Rhythmus und des Speeds von James Cameron.
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