Eigenständigkeit ist der Innbegriff von Kunst. Kunst ist, etwas zu schaffen, auf das bislang nichts hindeutet, das ungesehen,
ungedacht war. Die Ausdehnung des Vorstellbaren, die Erweiterung des bewußt denkbaren. Auf die Gefahr hin, das bewußt denkbare
in das Unterbewußte hinein auszudehnen - und sich dabei selbst zu erkennen. Etwa das bietet 2001 - in durchaus radikaler Form. 2001 ist so eigenständig, Kritiker mögen anmerken, eigenwillig, dass es
erstaunlicherweise trotz seines bahnbrechenden Einflusses noch nicht einmal einen einzigen Nachahmer motiviert hat etwas ähnliches
zu versuchen. Vielleicht auch, weil hier Kunst in seiner nicht gerade leicht verdaulichen Form den Weg in das Massenmedium
gefunden hat und dort ein randständiges Dasein einnehmen muss. Schwer vorstellbar mit einem Nachfolger Geld zu machen. So
bleibt selbst die etwas verspätet nachgeschobene Fortsetzung, ein eher in die Länge gezogener Epilog, versucht nicht einmal
die Langsamkeit, die geheimnisvolle Mehrdeutigkeit des Originals zu immitieren, ebensowenig, wie seine Tragweite und Bedeutung,
seine philosophische Tiefe auch nur anzukratzen. Zyniker mögen behaupten, die philosophische Tiefe von 2001 läge darin begründet, dass man in den minutenlangen Szenen, in
denen einfach nichts passiert nicht anders kann, als nachzugrübeln. Doch wäre das so falsch? 2001 ist wie das Alpha und das Omega, es erzählt von zwei zentralen, zentraler ist nicht vorstellbareren, Aspekten des spezifisch
menschlichen: dem Geist und seinem Resultat, dem Werkzeug. Jedoch in Extremen und im Abstrakten. 2001 meditiert über das Verhältnis
beider. In der Anfangssequenz, die in einem Science-Fiction-Film keine parallele in scheinbarer Deplatziertheit in der Filmgeschichte
findet, erfindet ein Frühmensch das Werkzeug. Er erkennt, in einem aus dem Nichts zu kommen scheinenden Impetus, die Möglichkeit
der Extension seiner Hände Werk durch das Werkzeug. In einer der sicherlich metaphernschwersten Szenen der gesamten Filmgeschichte wirft er dieses Werkzeug siegreich in die Lüfte,
wo es sich scheinbar verwandelt in ein Raumschiff, ein unvergleichbar viel elaborierteres Werkzeug, aber letztlich nur eine
Folge dieser ersten Erfindung. Ein Raumschiff auf dem Weg zur Entdeckung des Omega. Was dies am Ende ist, übersteigt nicht nur die Vorstellungskraft des
Protagonisten, auch die des Zusehers. Man muss sich auch nicht einreden Kubrick selbst hätte eine mehr als intuitive Vorstellung
davon gehabt, was die Endsequenz dem Zuseher vermitteln mag. Auf dem Weg dorthin erleben wir die Auseinandersetzung zwischen dem Geist der erschaffen hat und dem Geist den er erschuf.
HAL 9000, der intelligente und mit Persönlichkeit ausgestattete Bordcomputer wird zum Problem und gefährdet damit die Mission
aufs Erheblichste. Sein Problem: Er hat aus politischen Gründen wiedersprüchliche Missionsparameter erhalten und als logisches
System gerät er darüber in einen nicht auflösbaren Konflikt, woraufhin er beginnt die Besatzung zu töten. Das Geschöpf wendet
sich gegen seinen Schöpfer, sobald es selbständig genug ist. Ist der Drang nach Freiheit jedem eigenständig entscheidenden System immanent? Das älteste, stärkste Motiv der Weltgeschichte. Adams und vor allem Evas Emanzipation hinaus aus dem Paradies, hinaus aus
Sorglosigkeit und göttlicher Geborgenheit, Satans Zurückprallen angesichts des göttlichen Entscheidungsmonopols, der Zauberlehrling,
der Abfall der Kreatur von seinem Schöpfer, kulminierend in offener Gegnerschaft auf Leben und Tot. Nichts weniger als das fabuliert Stanley Kubrick in seinem besonderen Meisterwerk zwischen den anderen Meisterwerken, wie
Full Metal Jacket, Wege zum Ruhm, The Shining und Spartacus. Ein Film an der Grenze zur Performancekunst, eigenständig, unnahbar, einmalig. Was mehr kann man einem Kunstwerk an Lob angedeihen
lassen. Kubricks suggestive Bildgewalt ist die eines Malers.
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