Jede Regel hat eine Ausnahme. Und dieser Film ist die Ausnahme zur Regel, dass alle Zukunftsvisionen in Hollywood in düsterem
Blau-Schwarz stattfinden. Immerhin nicht weniger, als das titelgebende Motto dieses Bereichs. Nun gut. Dieser Film ist nicht
düster und nicht blau-schwarz, er ist hell, bunt, grell und doch nur einen Millimeter unter der Oberfläche dunkel und böse.
Ein bisschen ist dieser Film wie die hochgezüchtete Welt vor der er warnt: perfektioniert. Die Bösen haben so gut gelernt die guten zu schauspielern, dass man sie von diesen nicht mehr unterscheiden kann. Die Killerkommandos
kommen in Polizeiuniformen und am Ende haben sie mehr Charakter als alle Guten zusammen. Doch von vorn. Was fällt auf und
was aus dem Rahmen? Die Insel ist grandios, schnell, intelligent, unterhaltsam. Sie ist mit einer brillanten Optik und den
nahtlos eingefügten Special Effects der Jahrtausendwende gedreht - und, und! das Drehbuch ist intelligent. Sogar der Schnitt
ist zuweilen derart gut, dass es auffällt. Und doch hat dieser Film auch eine Schwäche: Und das ist nicht die Schönheit der
Johannson, oder die Coolness von McGregor. Nein, es ist, dass man sich ständig an andere Filme erinnert fühlt. Da ist zuweilen
die Optik und das Feeling von Black Hawk Down, manchmal die Sterilität von Equlillibrium, dann wieder die atemlose Hatz von
Minority Report und - natürlich - die Bullit Time von Matrix, das Freeway-chaos von Matrix 2 und ein bisschen Star-Wars hier
ein bisschen Fünftes Element dort, ein bisschen Gattaca und ein bisschen Blade Runner. Nur scheint all das noch ein bisschen
perfekter als im jeweiligen Original - dafür freilich nicht so tiefgehend, nur an der Oberfläche angekrazt, wie ein großer
Zitatenschatz aus dem man schöpft und ihm dabei huldigt. Freilich dadurch eben nicht mehr originär, sondern nur noch eine
Art Abklatsch, dafür aber auch perfektioniert und im Stakkato aneinandergereiht, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Im Gegenteil,
das Drehbuch ist nicht wie bei James Bond ein Slalomlauf durch die Schauplätze und Special Effects allein um deretwillen,
sondern in Die Insel scheint die Handlung konsequent und konsistent voranzuschreiten und die spektakulären Effekte sich ganz
natürlich in sie einzufügen, alles scheint ganz zwangsläufig so zu kommen, ohne die in diesem Genre durchaus nicht seltenen
Handlungs-Kopfstände um diesen Effekt noch unterbringen zu können. Bei der Frage nach der Henne und dem Ei, ist hier ganz
klar das Ei zuerst da. Die Insel macht einfach alles, auch das nicht-originäre derart gut, dass man den Film nur gut finden kann, beinahe gut finden
muss, es bleibt einem nichts anderes übrig. Ist Hollywood inzwischen so weit, fragt man sich einen paranoiden Moment lang,
dass sie Filme drehen können, die einem Spaß machen, obwohl man das gar nicht will? Genug des Schwärmens, genug. Neben den offensichtlichen Qualitäten ist die Insel auch ein Plädoier, eines, das sich zu bedenken
lohnt. Gentechnik ist wahrlich ein Schreckgespenst, aber im ernst nur für die, die keine Ahnung davon haben. Denn in Wahrheit
ist Gentechnik eine der ganz großen Möglichkeiten das Leben der Menschen glücklicher und gesünder zu machen. Außer die Gentechnik
wird so wie in Die Insel eingesetzt. Auch auf dieser Ebene ist die Insel vergleichbar mit Equillibrium, wo die Frage erforscht wird, wie eine Gesellschaft ohne
Gefühle aussehen kann, oder wie Minority Report, wo die Frage erforscht wird, wie ein System funktionieren kann in dem die
Zukunft vorhergesehen werden kann, oder wie Blade Runner, wo die Frage erforscht wird, was den Menschen zum Menschen macht,
wie eine Gesellschaft aussehen kann in der der Mensch nach belieben nachgebaut werden kann, quasi die Verwirklichung des Alptraums,
der Mensch habe keine Seele, sei eine bloße Maschine. Und wie jede Maschine braucht man für ihn Ersatzteile, um ihn zu reparieren,
wenn er defekt ist. Die einzigen ohne Seele sind am Ende aber die, die die Menschen als Ersatzteillager benutzen und ihnen
Namen wie 'Produkt' geben. Michael Bay hat wieder einen Knaller abgeliefert, dem man sich auch mit noch so viel Anspruch und Intellekt nicht wirklich
entziehen kann. Er kann zwar von der pompösen posierenden Bildsprache seiner Zunft, dem Blockbuster, nicht lassen, bemüht
immer, um nicht zu sagen permanent oder penetrant die möglichst emotionalste aller Einstellungen, arbeitet ununterbrochen
mit extremen Weitwinkeln, Filtern und schiefen Kameralagen, doch er wirft sein Netz nicht umsonst aus. Er fängt auch den anspruchsvollen
Zuseher damit, denn er hat diese Bildsprache seit The Rock und Armageddon weiterentwickelt und rangiert inzwischen damit näher
an Ridley Scott als noch an der etwas plumpen billigen Emotionen-Masche seiner filmischen Herkunft. Ein echter Geheimtipp
für Science-Fiction Anhänger, die nicht zwangsläufig Raumschiffe brauchen. Ein würdiger Kämpfer dieses Genres, wenn auch in
bunt.
|