Kanon des modernen Films
Blade Runner
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Anmerkungen
Blade Runner
Warum ist der Director's Cut von Blade Runner so wichtig? Blade Runner gehört zu den wenigen genialen Mißverständnissen der Filmgeschichte. Einzigartig, wie neben ihm vielleicht ähnlich unverstandene Fight Club ist Blade Runner ein Film der beinahe ein Jahrzehnt lang nur verstümmelt zu sehen war und damit im Grunde unverständlich blieb.
Zuallererst aber ist Blade Runner ein Film, der seinem Titel nicht gerecht wird. Gerannt wird in diesem Film fast nie. Er ist kein Actionfilm, schon gar kein Reißer. Eher ist er von einer zähen Trägheit erfüllt, die die allgegenwärtige Schwärze der permanenten Nacht in der der Film spielt nur noch undurchdringlicher zu machen scheint. Wie auch Minority Report und Total Recall ist Blade Runner ursprünglich einer der congenialen Kurzgeschichten von Phillip K. Dick entsprungen und im Gegensatz zu Verhoevens Verfilmung von Total Recall mit Arnold Schwarzenegger hat Ridley Scott gut daran getan seine Version von "Do Androids dream of electonic sheep?" nicht als Action-Comic umzusetzen sondern als dunkle, mystische und abgefahrene Zukunftsvision.
Warum das besser war? Der Grund dafür ist ganz einfach: Die Story gibt zu viel her, als daß man sie mit Action kaschieren müßte. Genau genommen ist sie viel zu schade um sie unter Action zu begraben. Stories dieser Art leben davon, daß der Zuschauer mitdenkt, sich von der genialen Idee faszinieren läßt und seine Vorstellungskraft in die Vision hinein ausdehnt. Action behindert diesen Prozeß, so daß sie in solchen Filmen besser sehr spärlich eingesetzt wird.
Letztlich dreht sich die Handlung ganz Dick-typisch um die Frage, wie unser Selbstbild, unser Menschsein beschaffen ist. Keine typische Science Fiction Handlung. In der Tat dient, wie in gutem Science Fiction durchaus nicht unüblich, die zukünftige Handlung als Gedankenexperiment um philosophische Fragen zu illustrieren und vorstellbar zu machen. Hier wird etwas hochabstraktes diskutiert: das menschliche Bewußtsein, das Gedächtnis und das Selbstbild des Menschen.
Harrison Ford spielt Dekard, einen Blade Runner, einen Killer darauf spezialisiert sogenannte Replikanten, menschliche Androiden, in dem Fall zu eliminieren, wenn Sie sich anders verhalten, als ihre Rolle es vorschreibt. Sie sind Sklaven und haben zu gehorchen. Gehorchen sie nicht, oder fliehen sie, werden sie von Blade Runnern eliminiert.
Replikanten sind jedoch den Menschen derart ähnlich, daß es bestimmter psychischer Tests bedarf sie überhaupt von Menschen zu unterscheiden. In Gewisser Weise sind sie Menschen, die zu Un-Menschen definiert worden sind. Gezüchtet, um zu Arbeiten, und unfrei zu sein. Eine Rasse von Sklaven. Der Mensch hat seine Werkzeuge so lange optimiert, bis er das für seine Bedürfnisse und Zwecke ideale Werkzeug erschaffen hat: den Menschen. Jetzt muß er sich nur noch davor hüten, die Moral auf die Idee verfallen zu lassen, wer so wie ein Mensch aussieht, handelt und denkt -- der ist auch ein Mensch. Schade wäre es um die schönen Arbeitssklaven, würde Moral und Ethik ihnen die Freiheit gewähren.
Dekard hält sich für einen Menschen. Doch woher weiß er das? Natürlich aus seinen Erinnerungen, aus seinem Gedächtnis. Er erinnert sich an sein Leben und weiß daher, es gelebt zu haben. Replikanten dagegen wissen, daß sie Replikanten sind.
Bei seinen Nachforschungen auf der Jagt nach ausgebrochenen Replikanten stößt Dekard auf einen neuen Typ von Replikant. Die Replikanten der neuesten Bauform, wissen nicht, daß sie künstlich sind. Sie sind nicht nur mit einem künstlichen Körper und künstlicher Intelligenz ausgestattet, sondern auch mit künstlichen Erinnerungen an eine nie gewesene Vergangenheit, eine Kindheit, Träume, alles. Sie halten sich selbst für Menschen.
Und hier kommt der erst seit den frühen 90ern verfügbare Director's Cut von Blade Runner ins Spiel. Zwischen den Zeilen, ohne daß es je ganz klar ausgesprochen würde wird immer klarer, daß Dekard auch ein Replikant ist. Einer dieser neuesten Bauart. Er hat Erinnerungen. Doch er hat den klaren Beweis, daß diese Erinnerungen künstlich sind. Er mag gut und gerne nur wenige Wochen alt sein. Er hat das Leben an das er sich erinnert wahrscheinlich nie gelebt. Hat er es gelebt?




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