Kein Film der letzten Jahre, sogar des letzten Jahrzehnts, gab mehr Anlaß zu philosophischen Diskussionen über die Natur der
Welt als The Matrix. Obwohl immer als Action-Reißer abgetan ist The Matrix eine hervorragende Meditation zur grundsätzlichen
Frage, was die Realität ist, wie sie beschaffen sein könnte. Die erste Erkenntnis, die der Film präsentiert ist, dass eine Realität sich von einer Simulation nicht unterscheidet, dass
insbesondere die 'Insassen', die Einwohner der Simulation nicht entscheiden können, ob sie sich gerade in einer Simulation
befinden, vielleicht sogar gar nicht entscheiden können, ob es überhaupt eine Realität gibt, die sich profund von jeder Simulation
unterscheidet. Die Realität in der wir leben ist damit nicht die einzige denkbare Realität, sondern könnte ebenafalls eine
Simulation sein. 'Denkst Du, es ist Luft, was Du gerade atmest?' Diese Überlegung wirft der Film in vortrefflichen Bildern, in einer halbwegs intelligenten Handlung aufs - man möchte fast
sagen - rücksichtsloseste auf. Der Film illustriert dabei zuerst aus der Sicht der Insassen der Simulation, wie 'normal' das
Leben seinen Gang dort drinnen geht, wie wenig sich die Simulation von der realen Welt der Zuseher unterscheidet. Dann kommt der Bruch. Die Wahrheit bricht über die Hauptperson NEO und ebenso über den Zuseher herein, wie ein einstürzender
Wolkenkratzer. Alles ist anders. Und es ist trotzdem völlig konsistent! So konsistent, wie die bisherige Wahrheit, die schöne
Wahrheit. Diese neue Wahrheit ist häßlich, aber sie hat einen unsagbaren Vorteil: sie ist wirklich wahr. Natürlich ist es erlaubt diesen genialen Film auch als Action-Reisser zu sehen und die Handlung lediglich als Rahmen für eine
zumindest höchst innovative optische Ästetik und die grenzgeniale Kombination von Kampfsport und schwarzen Roben zu sehen.
Doch letztlich ist dieser Film mehr. Tatsächlich haben sich in den realen USA Straftäter in der Folge darauf berufen, sie
wären für nichts verantwortlich, sie lebten ja nur in der Matrix. Dies allein zeigt, wie weit diese Hypothese der Wachowski
Brothers reicht. Sie streift die Frage nach dem freien Willen, nach Art und Beschaffenheit unserer Realität, letztlich nach
der Natur unseres Daseins, nach Gott und der Ursache für alles. Mit keinem Bisschen von Douglas Adams' Ironie werden diese
Fragen in Matrix aufgeworfen. Sie werden ernst angegangen. Der Film nimmt sich sehr ernst und das sollte der Zuseher auch
tun, wenn er von ihm profitieren will. Die Ignoranz, die jedem offen steht zu leben bedeutet niemals, dass sich die tieferen Zusammenhänge, die in einem Film zu
finden sind sich nicht lohnen ergründet zu werden, zu den Gedanken zu gelangen, zu denen ein Film wie Matrix anregen und hinführen
kann. Genauso wenig sind solche Überlegungen auf Filme beschränkt, in denen bereits der Autor all diese Überlegungen vorgedacht
hat. Gerade im vorliegenden Fall sind die Möglichkeiten der Konzeption derart unendlich und für unsere Weltsicht derart grundlegend,
dass sie höchstens Denkanstoß sein, niemals alle möglichen Gedanken und daraus resultierenden Ideen vorwegnehmen können. Jede
These des Films kann ein Universum veranlassen. Und jede solche Überlegung kann das Publikum, abseits der sonst üblichen sozialkritischen
Themen auffordern sich über die Fragen Gedanken zu machen. Abseits von Science Fiction der Weltraumart ist the Matrix eine
höchst-willkommene und dabei höchst-brisante Geschichte. Einer der absoluten Top-Filme der letzten Jahre, wenn nicht gar der
Bedeutendste.
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